5C-Modell: Ärzte entschlüsseln 5 Merkmale für eine der größten Gesundheitsgefahren
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Fehlende Impfungen - eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit

Immer wieder sorgen Medienberichte über sogenannte Impfgegner für Aufsehen. Sie lehnen Schutzimpfungen für sich oder ihre Kinder ab, weil sie glauben, dass diese ihnen schaden könnten.
(colourbox.de)

Ob ansteckende Erreger wie Ebola-, Dengue- oder HI-Viren oder nicht übertragbare Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes − auf ihrer Liste der größten Gesundheitsrisiken für die Weltbevölkerung im Jahr 2019 führt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zahlreiche Erkrankungen. Hinzu kommen weitere Faktoren wie beispielsweise Luftverschmutzung, Klimawandel, Krisen und Kriege sowie unterentwickelte Gesundheitssysteme, die der WHO zufolge die globale Gesundheit bedrohen.

Die meisten Gefahren auf der Liste haben eines gemeinsam: Sie sind von Betroffenen nicht oder nur sehr schwer zu beeinflussen. Mit einer Ausnahme: fehlende Schutzimpfungen. Sie gehören für die UN-Organisation zu den schwersten Bedrohungen für die globale Gesundheit. Ein Überblick.

Impfschutz – erfolgreich aber ausbaufähig

Zwei bis drei Millionen Todesfälle durch Krankheiten werden jedes Jahr auf der ganzen Welt vermieden, weil gegen viele Krankheitserreger Schutzimpfungen verfügbar sind, das berichtete jüngst die WHO. Was einerseits als klarer Erfolg der modernen Medizin gewertet werden kann, ist andererseits noch deutlich ausbaufähig. Denn weitere 1,5 Millionen Todesfälle wären laut WHO jedes Jahr weltweit vermeidbar, wenn mehr Menschen geimpft wären.

Mangelnde Bereitschaft

Dass dies nicht der Fall ist erklärt die Organisation mit einer mangelnden Impfbereitschaft bei vielen Menschen. Diese sogenannte „vaccine hesitancy“ hat die WHO deshalb in ihre Auflistung der zehn größten Gesundheitsrisiken für die Weltbevölkerung im Jahr 2019 aufgenommen. Die Organisation beschreibt sie als zögerliche oder sogar ablehnende Haltung gegenüber Schutzimpfungen, obwohl Wirkstoffe verfügbar wären.

Rückkehr der Masern

Das kann drastische Folgen haben: Weltweit sind beispielsweise die Masern wieder auf dem Vormarsch – eine hoch ansteckende und früher weit verbreitete Kinderkrankheit, an der auch Jugendliche und Erwachsene erkranken können. In seltenen Fällen können eine Masernerkrankung oder ihre Spätfolgen tödlich verlaufen. Die globalen Fallzahlen sind 2017 laut WHO im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent gestiegen. Und das, obwohl Masern dank der Schutzimpfung als leicht beherrschbar und in einigen Regionen sogar als ausgerottet gelten. Zwar seien die Gründe für den Anstieg komplex und gingen über eine mangelnde Impfbereitschaft hinaus. „Doch in einigen Ländern, die die Krankheit schon fast ausgerottet hatten, steigen die Fallzahlen wieder“, so die WHO.

Deutschland unter 95-Prozent-Hürde

Auch in Deutschland erreicht die Impfquote gegen Masern nach wie vor nicht die 95-Prozent-Hürde, die Experten für eine Ausrottung der Krankheit für notwendig halten. Aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge lag die Quote für die erste Impfung 2016 zwar erstmals in allen Bundesländern über diesem Wert. Bei der unerlässlichen zweiten Impfung erreichten jedoch nur zwei Bundesländer die Grenze – die nationale Quote lag lediglich bei knapp 93 Prozent.

Die Schuld liegt nicht nur bei den Impfgegnern

Immer wieder sorgen Medienberichte über sogenannte Impfgegner für Aufsehen. Sie lehnen Schutzimpfungen für sich oder ihre Kinder ab, weil sie glauben, dass diese ihnen schaden könnten. „Wer allerdings ausschließlich Impfgegner für die schlechten Impfquoten verantwortlich macht, der greift damit zu kurz“, sagt Dr. Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Betsch zufolge gibt es noch weitere wesentliche Gründe dafür, dass Menschen sich gegen bestimmte Krankheiten nicht impfen lassen.

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Fünf entscheidende Merkmale

Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hat sie fünf verschiedene psychologische Gründe identifiziert, die Menschen dazu bringen sich impfen zu lassen oder nicht. Dem sogenannten 5C-Modell zufolge hängt die Entscheidung für oder gegen eine Immunisierung davon ab, wie stark die folgenden Merkmale ausgeprägt sind:

- Confidence: das Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen

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- Complacency: die Wahrnehmung von Krankheitsrisiken und eine fehlende Risikowahrnehmung

- Constraints: die wahrgenommenen Hürden wie Stress oder Aufwand

- Calculation: die aktive Suche nach Informationen und die mögliche Falscheinschätzung

- Collective Responsibility: die Motivation, durch die eigene Impfung andere indirekt zu schützen

Ein Beispiel: Verpasst jemand eine Impfung aus „Complacency“, dann kann dahinter die fälschliche Annahme stecken, die betreffende Krankheit sei aufgrund der hohen Impfquote in der restlichen Bevölkerung bereits unter Kontrolle.

Verbesserungspotenzial auch in Deutschland

In der BRD wird das 5C-Modell bereits von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) angewendet, um individuelle Gründe für oder gegen das Impfen besser zu verstehen. Cornelia Betsch zufolge lassen die ersten Ergebnisse darauf schließen, dass diverse strukturelle Veränderungen durchaus sinnvoll wären. So zeigte sich im Bereich „Constraints“, dass Impfen für viele Menschen nicht leicht genug umzusetzen ist − 13 Prozent der Befragten stimmten teilweise oder voll zu, dass Alltagsstress sie davon abhält.

Verlässliche Information nicht leicht zu finden

Ein weiteres Beispiel ist der Bereich „Calculation“: Wer sich umfassend informieren will, um die bestmögliche Entscheidung zum Impfen zu treffen, der findet in Deutschland nicht ohne weiteres wissenschaftlich fundierte Informationsangebote. Abhilfe könnte eine Art Wegweiser zu guten Gesundheitsinformationen schaffen, beispielsweise ein nationales Gesundheitsportal. „Das 5C-Modell erleichtert es uns, diese Ursachen zu messen und dann möglicherweise entsprechend zu intervenieren“, sagt Betsch.

Weitere Informationen zu den zehn größten Gefahren für die globale Gesundheit im Jahr 2019 stellt die WHO unter https://www.who.int/emergencies/ten-threats-to-global-health-in-2019 bereit. Unter https://www.impfen-info.de/ informiert die BZgA über Krankheiten, die sich durch Impfungen vermeiden lassen.

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