Zeitblindheit: Anzeichen | Weather.com
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Chronisch unpünktlich? In diesen Fällen steckt Zeitblindheit dahinter

Nicht wenige treiben ihr Umfeld mit ihrer Unpünktlichkeit in den Wahnsinn. Dies könnte laut Fachleuten auf ein Phänomen zurückgehen, an dem sich in den sozialen Medien eine Debatte entzündet hat.

ARCHIV - 05.07.2022, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Die Rathausuhr über dem Haupteingang zum Gebäude der Stadtverwaltung. Gibt es immer weniger Zeigeruhren? Können junge Leute die überhaupt noch lesen? Verschwinden Uhren aus dem Stadtbild? Auf der Spurensuche nach der angeblich verlorenen Zeit. (zu dpa: Adieu Analoguhr? Wie Zeigeruhren weniger werden) Foto: Jens Büttner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Die Rathausuhr über dem Haupteingang zum Gebäude der Stadtverwaltung.
(Jens Büttner/dpa)

Schon als Kind geriet Alice Lovatt ständig in Schwierigkeiten, weil sie immer spät kam. Oft war es ihr peinlich, Freunde durch ihre Unpünktlichkeit zu enttäuschen. Pünktlich in der Schule anzukommen, bedeutete für sie regelmäßig Stress. "Ich scheine diese innere Uhr einfach nicht zu haben, die in meinem Kopf tickt", sagt Lovatt, eine Musikerin und Wohngruppenbetreuerin aus dem englischen Liverpool.

Erst als bei ihr mit 22 Jahren ADHS diagnostiziert wurde, erfuhr sie, dass sie ein Symptom hatte, das mitunter "Zeitblindheit" genannt wird. Dem emeritierten klinischen Neuropsychologen an der University of Massachusetts, Russell Barkley, wird zugeschrieben, Störungen der Zeitwahrnehmung bei Menschen mit ADHS oder Autismus in Verbindung gebracht zu haben. Bereits 1997 bezeichnete er dieses Phänomen als "temporale Myopie", also eine Art kognitive Verzerrung.

In jüngerer Zeit hat Zeitblindheit eine Debatte in den sozialen Medien ausgelöst: Wo verläuft die Grenze zwischen einer tatsächlichen Beeinträchtigung und jemandem, der unorganisiert oder schlicht unhöflich ist?

Wann mehr hinter dem Zuspätkommen steckt

Zeitblindheit beschreibt die Unfähigkeit, einzuschätzen, wie lange eine Aufgabe dauern wird, oder zu erfassen, wie viel Zeit vergangen ist. Sie hängt mit den exekutiven Funktionen, also übergeordneten Steuerungsprozessen, zusammen, die in den Frontallappen des Gehirns angesiedelt sind. Das Phänomen sei ein gut dokumentiertes Merkmal vieler Menschen mit ADHS, erklärt Stephanie Sarkis, Psychotherapeutin im Großraum Tampa Bay im US-Bundesstaat Florida.

"Jeder kann Probleme damit haben, zu spät zu kommen, aber bei ADHS liegt eine funktionelle Beeinträchtigung vor", sagt Sarkis. "Das wirkt sich auf das Familien- und Sozialleben aus. Es betrifft die Arbeit, den Umgang mit Geld – alle Lebensbereiche."

Wenn chronische Unpünktlichkeit "ein Stern im Gefüge der Symptome" sei, könne dies ein Hinweis auf eine behandelbare Störung sein, ergänzt Sarkis. Sie verwies auf Studien, wonach stimulierende Medikamente, die wegen anderer ADHS-Symptome wie Unaufmerksamkeit oder Unruhe verschrieben werden, auch bei Zeitblindheit wirksam sind.

Das heißt jedoch nicht, dass jeder Mensch, der chronisch zu spät kommt, ADHS hat.

Den Grund fürs Zuspätkommen anschauen

Jeffrey Meltzer, ein Therapeut aus Bradenton in Florida, rät chronisch unpünktlichen Menschen, das Kernproblem hinter ihrer Unpünktlichkeit zu hinterfragen. Manche Menschen, die Smalltalk hassen, hätten etwa Angst, zu früh aufzutauchen, was auf Angst als zugrundeliegendes Problem hindeuten könnte. Andere hätten das Gefühl, wenig Kontrolle über ihr Leben zu haben, und versuchten deshalb, sich ein paar Minuten von ihren Verpflichtungen "zurückzuholen".

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"Das ist dasselbe psychologische Prinzip wie bei der sogenannten Rache-am-Schlafengehen-Prokrastination", sagt Meltzer. Damit meint er den Drang, nach einem anstrengenden Tag länger wach zu bleiben, um verlorene persönliche Zeit zurückzugewinnen. In solchen Fällen könne es helfen, eine kleine "Bewältigungskarte" zu erstellen, auf die man regelmäßig zurückgreife. Nachdem man den Grund für die chronische Unpünktlichkeit identifiziert habe, solle man eine Karteikarte nehmen und darauf einen neu formulierten Gedanken zu diesem Grund sowie eine Konsequenz des Zuspätkommens festhalten.

Anspruchsdenken am schwierigsten zu ändern

So könne man auf die eine Seite schreiben: "An diesem Treffen teilzunehmen bedeutet nicht, dass ich meine Freiheit verliere." Auf die andere Seite: "Schon wieder zu spät zu kommen, wird die Kollegen bei der Arbeit verärgern."

Am schwierigsten zu ändern ist laut Meltzer jedoch ein Grund, den Pünktliche Unpünktlichen häufig zuschreiben: ein Anspruchsdenken. Menschen, die ihre eigene Zeit für wichtiger hielten als die der anderen, gäben sich womöglich selbst die Erlaubnis, zu spät zu kommen. Diese Menschen zeigten eine solche Anspruchshaltung meist auch in anderen Bereichen, etwa indem sie auf Parkplätzen parkten, die für Menschen mit Behinderung gedacht sind, oder dazu neigten, bei Veranstaltungen einen großen Auftritt hinzulegen.

"Vielleicht kommen sie 20 oder 30 Minuten zu spät, und dann heißt es: 'Oh, schau mal, wer da ist'", sagt Meltzer. "Das ist dann eine Art, Aufmerksamkeit zu bekommen."

Was man dagegen tun kann

Unabhängig davon, ob jemand ADHS habe oder nicht, bleibe jede Person für ihr Handeln verantwortlich, sagt Sarkis, bei der ebenfalls erst im Erwachsenenalter ADHS diagnostiziert wurde und die selbst mit Zeitmanagement kämpft. Die gute Nachricht sei, dass dieselben Maßnahmen, die Menschen mit ADHS hülfen, auch bei allen anderen Unpünktlichen wirken könnten.

Sarkis empfiehlt etwa, eine Smartwatch zu nutzen, um Erinnerungen einzustellen, die signalisieren, wann man losgehen sollte. Auch analoge Uhren in der Umgebung seien hilfreich. Sich ausschließlich aufs Handy zu verlassen, um die Uhrzeit zu prüfen, sorge hingegen für mehr Ablenkung. Zudem rät sie dazu, Aufgaben in eine Checkliste kleinerer Schritte zu unterteilen und dem Drang zu widerstehen, zu viele Aktivitäten in einen einzigen Tag zu packen.

Lovatt hat gelernt, sich deutlich mehr Zeit einzuplanen, als sie zunächst für nötig hält. Sie nutzt eine Zeitmanagement-App und eine weitere App, die andere Anwendungen auf ihrem Smartphone blockiert, um die Zeit besser im Blick zu behalten. Besonders hilfreich sei es gewesen, sehr detaillierte Listen darüber zu erstellen, wie lange einzelne Dinge dauern. Morgens aus dem Haus zu gehen habe sich für sie wie 20 Minuten angefühlt — bis sie jeden einzelnen Schritt vom Bett bis zur Haustür aufschrieb.

"Die Treppe hinuntergehen – eine Minute. Schuhe suchen – eine Minute. Und ich hatte eine Liste, die eine ganze Seite lang war, mit lauter Punkten, etwa dem Gang von einem Zimmer ins andere", sagt sie. So habe sie gelernt, dass es tatsächlich 45 Minuten dauere. "Es klappt nicht zu 100 Prozent. Aber insgesamt bin ich jetzt deutlich zuverlässiger."

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