Wissenschaftler warnen vor Gefahr für den dunkelsten Himmel der Welt | Weather.com
Advertisement
Advertisement

Wissenschaftler warnen vor Gefahr für den dunkelsten Himmel der Welt

Es ist ein einzigartiges Zentrum für Weltklasse-Astronomie. Die Bedingungen sind ideal - allem voran die Abgeschiedenheit von städtischer Lichtverschmutzung. Aber bleibt das so?

The Milky Way stretches across the night sky as seen from the Atacama Desert, Chile, Wednesday, April 15, 2026. (AP Photo/Esteban Felix)
Die Milchstraße, aufgenommen in der Atacama-Wüste in Chile, am 15. April 2026
(AP Photo/Esteban Felix)

Es dauert einen Moment, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Ein schwacher Lichtpunkt erscheint, dann ein weiterer, hellerer, und bald tauchen Sterne, Planeten und ganze Sternbilder auf. Es dauert nicht lange, bis sich eine ganze Galaxie über den Himmel erstreckt, sichtbar mit bloßem Auge.

In der chilenischen Atacama-Wüste wirkt der Nachthimmel unendlich. Sie gilt als der trockenste Ort der Erde und ihre Dunkelheit als eines der klarsten Fenster zum Universum. Eine seltene Kombination aus trockenem Klima, großer Höhe und – am wichtigsten - der Abgeschiedenheit von städtischer Lichtverschmutzung macht die Region zu einem unvergleichlichen Zentrum für der Astronomie: Hier laufen die global größten bodengestützten Projekte.

Mehr als 300 klare Nächte im Jahr

"Die Bedingungen in der Atacama-Wüste sind weltweit einzigartig", sagt Chiara Mazzucchelli, Präsidentin der Chilenischen Astronomischen Gesellschaft. "Es gibt mehr als 300 klare Nächte pro Jahr, das heißt: keine Wolken und kein Regen."

Doch der dunkelste Himmel der Welt könnte in Gefahr sein. Im vergangenen Jahr kam es in der Wüste zu einem Konflikt zwischen Wissenschaftlern und einem Energieunternehmen, das nur zehn Kilometer vom Paranal-Observatorium der Europäischen Südsternwarte (ESO) entfernt einen Ökostromkomplex errichten wollte. Die Ankündigung des Projekts schlug in der internationalen Astronomen-Gemeinde hohe Wellen, zumal Paranal der künftige Standort eines optischen Teleskops ist, das so leistungsstark sein wird wie kein anderes zuvor. Experten warnten, dass das Energie-Vorhaben erhöhte Lichtverschmutzung, Mikrovibrationen, Staub und größere atmosphärische Turbulenzen auslösen und damit astronomische Arbeit unmöglich machen würde.

Besorgnis über lasche Schutzvorschriften

Das Projekt wurde zwar im Januar nach massiven Protesten von Astronomen, Physikern und Nobelpreisträgern gestrichen, aber Wissenschaftler warnen, dass bestehende Gesetze zum Schutz des Nachthimmels lax, veraltet und unklar seien. Ohne aktualisierte Vorschriften könnten jederzeit ähnliche Vorhaben wie das nunmehr verhinderte vorgeschlagen werden.

"Wir setzen uns dafür ein, dass die neuen Kriterien streng genug sind, um sicherzustellen, dass es keine Auswirkungen auf astronomische Gebiete gibt", sagt Daniela González von der Stiftung Cielos de Chile, die für den Schutz der Qualität des chilenischen Nachthimmels kämpft.

Anziehungspunkt für Astronomen aus aller Welt

Die Nachrichtenagentur AP hatte kürzlich Gelegenheit zu einem Besuch der Paranal-Anlagen im Herzen des sogenannten Photon Valley. In diesem hochgelegenen Korridor arbeiten mehrere Observatorien Seite an Seite und nutzen einige der modernsten Instrumente, die je entwickelt wurden. "Viele dieser großen Einrichtungen befinden sich in Chile, und insbesondere die Teleskope der ESO sind die leistungsstärksten astronomischen Anlagen der Welt", sagt Itziar de Gregorio-Monsalvo, die Vertreterin des europäischen Forschungsinstituts Chile.

Advertisement

Paranal ist einer von fast 30 astronomischen Standorten im Norden des Landes, von denen die meisten von internationalen Organisationen betrieben werden. Jedes Jahr zieht die Atacama-Wüste Tausende Wissenschaftler aus aller Welt an, um die Ursprünge des Universums zu erforschen.

Bau eines neuen Super-Teleskops

Sich über das felsige, unebene Gelände der Atacama zu bewegen, ist nicht leicht. In Höhenlagen von über 3.000 Metern wird Sauerstoff zu einem Luxus, während glühend heiße Tage unerbittlich kalten Nächten weichen. Doch für die Beobachtung und Erforschung des Weltraums sind diese mehr als 105.000 Quadratkilometer Wüste der perfekte Schauplatz.

Die außergewöhnlichen Bedingungen dort haben einige der ehrgeizigsten astronomischen Projekte ermöglicht, die je konzipiert wurden. So das Extremely Large Telescope (ELT) – ein 1,3-Milliarden-Euro-Projekt der ESO, dessen Fertigstellung für 2030 geplant ist. Mit 798 Spiegeln und einer Lichtsammelfläche von fast 1.000 Quadratmetern wird das ELT 20 Mal leistungsstärker sein als die derzeit führenden Teleskope und 15 Mal schärfer als das Hubble-Weltraumteleskop der Nasa. Mit dem ELT, so ESO-Astronom Lucas Bordone, "sollten wir in der Lage sein, erdähnliche Planeten in der sogenannten bewohnbaren Zone zu sehen, also im Kern die Planeten, die Kandidaten für Leben sind".

Selbst das schwächste Licht kann stören

Vor 20 Jahren war die Atacama-Wüste "ein Ozean der Dunkelheit", erinnert sich Eduardo Unda-Sanzana, Direktor des Astronomiezentrums an der Universität von Antofagasta. "Es gab nur dich und das Universum." Im Laufe der Jahre hat sich die Landschaft jedoch drastisch verändert. Urbanisierung, industrielle Entwicklung und die Ansiedlung von Bergbau und Windparks haben die Wüste zu einem begehrten Gebiet gemacht, in dem ein Gleichgewicht nicht immer leicht zu finden ist.

In Paranal leben die Spezialisten wie Maulwürfe in einer unterirdischen Unterkunft, die so angelegt ist, dass ihre Anwesenheit fast nicht wahrnehmbar ist. Fenster müssen verdeckt bleiben, Flure dunkel, und jede Bewegung im Freien wird nur von Taschenlampen geleitet. Selbst das schwächste Licht kann die Teleskope stören.

An Präzedenzfällen mangelt es nicht

Da wundert es nicht, dass die Pläne für den Ökostromkomplex bei den Wissenschaftlern Entsetzen auslösten. Die Gefahr künftiger schädlicher Projekte bestehe weiter, "trotz des Medienrummels 2025 befinden wir uns genau dort, wo wir letztes Jahr waren", sagt Unda-Sanzana.

An Präzedenzfällen mangelt es nicht. So musste beispielsweise das erste internationale Observatorium für Heliophysik in Chile – eine große Sonnenbeobachtungsstation – 1955 den Betrieb einstellen, weil die Ausweitung der Bergbauaktivitäten in der Region zu Umweltverschmutzung führte.

Advertisement