Dramatisch: Rentiere verhungern trotz ausreichend Nahrung
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Dramatisch: Rentiere verhungern trotz ausreichend Nahrung

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Dicke Stiefel aus Rentierfell und eine fast das ganze Gesicht bedeckende Pelzmütze schützen Niila Inga vor dem minus 20 Grad kalten Wind der schwedischen Arktis. Er steuert sein Schneemobil auf einen Berggipfel, von dem er seine Rentiere überblicken kann.

Seine Gemeinschaft hütet das ganze Jahr hindurch eine Herde von etwa 8000 Rentieren. Im Sommer grasen die Tiere auf traditionellen Weidegründen im Hochgebirge an der Grenze zu Norwegen, im Winter werden sie in die weiter östlich gelegenen Wälder getrieben.

So hielten es schon seine Vorfahren der indigenen Gemeinschaft der Samen seit Generationen. Doch Inga ist besorgt: Seine Rentiere haben Hunger, und er kann nicht viel dagegen tun. Der Klimawandel verändert das Wetter in der Region und beeinträchtigt das Nahrungsangebot der Herde. "Wenn wir keine besseren Gegenden für sie finden, wo sie grasen und Nahrung finden können, werden die Rentiere verhungern", sagt er.

Bedeutet der Klimawandel das Ende für den traditionellen Lebensstil

Die Hirtengemeinschaften der Samen stehen bereits unter dem Druck von Bergbau- und Forstindustrie sowie weiteren Bautätigkeiten, die an die Weideflächen heranrücken. Nun befürchten sie, dass der Klimawandel das Ende für ihren traditionellen Lebensstil bedeuten könnte.

Inga löst seine Hand aus einem Fäustling aus Rentierfell und illustriert das Problem: Mit seiner Hand greift er in den verkrusteten Schnee und zieht aus Bodennähe einen festen Eisbrocken heraus. Auf ungewöhnlich frühen Schneefall im Herbst folgte Regen, der gefror. Damit war die Nahrung der Rentiere unter einer dicken Eisschicht begraben.

Da sie nichts zu fressen fanden, wichen die Tiere auf der Suche nach neuen Weidegründen von ihren traditionellen Wanderrouten ab und verteilten sich. Die Hälfte der Herde zog wie geplant weiter nach Osten, während sich der Rest in die Berge zurückzog, wo viele Raubtiere leben und ein hohes Lawinenrisiko besteht.

Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Erde

Ältere samische Hirten erinnern sich, dass es früher etwa alle zehn Jahre schlechte Winter gab. Doch "extremes und merkwürdiges Wetter wird immer normaler, es passiert mehrmals im Jahr", sagt Inga.

Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Erde. Messungen des schwedischen Meteorologischen und hydrologischen Instituts zeigen, dass die Temperatur im Land im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 1,64 Grad anstieg. In der Gebirgsregion Schwedens ist dieser Anstieg noch größer. Dort lagen die durchschnittlichen Wintertemperaturen zwischen 1991 und 2017 um mehr als drei Grad höher als im Durchschnitt der Jahre 1961-1990.

"Regen-auf-Schnee"-Ereignisse haben verheerende Folgen

Schneefall ist dort üblich, aber mit dem Anstieg der Temperaturen kommt es gelegentlich auch zu Regen – und solche "Regen-auf-Schnee"-Ereignisse haben verheerende Folgen. Die Nahrung ist weiterhin vorhanden, aber die Rentiere können sie nicht mehr erreichen.

Die Tiere werden schwächer, und die Kühe erleiden manchmal Fehlgeburten, während die Überlebenden zu kämpfen haben, den Winter zu überstehen. "Wir haben hier acht Monate im Jahr Winter, und wenn er im Oktober mit schlechten Weidebedingungen anfängt, wird es nicht mehr besser", sagt Inga.

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Das ist für die samischen Rentierzüchter ein Katastrophe. Das einst nomadisch lebende Volk lebt im äußersten Norden Schwedens, Norwegens, Finnlands und dem Nordwesten Russlands. Bis in die 1960er Jahre wurde die indigene Minderheit von der Rentier-Herdenhaltung abgehalten, ihre Sprache und Kultur wurden unterdrückt. Heute halten von den 70 000 Samen nur etwa zehn Prozent Rentiere und erzielen aus dem Fleisch, den Fellen und den zu Messergriffen umgearbeiteten Geweihen ein begrenztes Einkommen.

Acht Familien haben Klage eingereicht

"Jeder will an das Gebiet, auf dem die Rentiere Nahrung finden. Aber mit dem Klimawandel brauchen wir mehr Flexibilität, um umherzuwandern", sagt Sanna Vannar, eine junge Herdenhalterin aus einer Gemeinschaft, die in den Bergen um die samische Ortschaft Jokkmokk nördlich des Polarkreises lebt. "Hier findest du keine Nahrung, aber vielleicht findest du dort welche, aber dort wollen sie den Wald abholzen, und das ist das Problem."

Die 24-Jährige ist Präsidentin der Jugendorganisation der schwedischen Samen. Gemeinsam mit acht Familien aus anderen Weltregionen reichte die Organisation 2018 Klage ein, um die EU zu einer stärkeren Reduzierung von Treibhausgasemissionen zu bringen. Das Gericht der Europäischen Union wies die Klage im Mai aus Verfahrensgründen zurück, doch die Kläger legten Berufung ein. "Wir wollen kein Geld, denn mit Geld können wir kein besseres Wetter kaufen", sagt Vannar. "Die EU muss handeln, und zwar jetzt."

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Feldstudie seit den 1940er Jahren

Herdenhalter arbeiten auch mit der Universität Stockholm zusammen, um das Verständnis über sich wandelnde Wetterstrukturen zu erweitern. Als Teil dieser seltenen Kooperation zwischen Samen und Wissenschaft zeichnen Wetterstationen tief in den Wäldern der Laevas-Gemeinschaft Luft- und Bodentemperatur, Regen, Windgeschwindigkeit und Schneefalldichte auf. Das traditionelle Wissen der Samen über Land und Klima ergänzt die Analyse der gesammelten Daten und bietet so ein detaillierteres Verständnis von Wetterereignissen.

"Mit diesen Daten können wir mein traditionelles Wissen verbinden, und ich sehe, was die Folgen davon sind", sagt Inga, der seit 2013 an dem Projekt mitarbeitet und gemeinsam mit Ninis Rosqvist wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht hat. Rosqvist ist Professorin für natürliche Geografie an der Universität Stockholm. Sie leitet eine Feldstation, die seit den 1940er Jahren in der schwedischen Gebirgsregion Gletscher misst und Veränderungen von Schnee und Eis aufzeichnet.

Herdenhalter verbrachten über eine Woche in den Bergen

Durch die Zusammenarbeit mit Inga wurde ihr bewusst, dass weniger "aufregende" Gebiete in den Wäldern möglicherweise am relevantesten für das Verständnis der Auswirkungen des Klimawandels sind.

"Als Wissenschaftlerin kann ich messen, dass etwas passiert, aber ich kenne nicht dessen Auswirkungen auf, in diesem Fall, das ganze Ökosystem. Und deshalb braucht man ihr Wissen", sagt Rosqvist. Sie hofft, dass die Forschung den Samen-Gemeinden hilft, ihre Sache den Entscheidungsträgern vorzutragen, die Gesetze über Landnutzungsrechte beschließen.

Zurück im Wald lässt Inga eine Gruppe Rentiere auf die Winterweiden frei, die von der Herde getrennt wurde, als sich die Tiere im Herbst zerstreuten. Mehrere andere Herdenhalter verbrachten mehr als eine Woche in den Bergen auf der Suche nach der anderen Hälfte der Herde, um sie nach unten zu treiben – vergeblich. "So lange sie gezwungen sind, dort zu bleiben, wird sich ihr Zustand immer weiter verschlechtern", warnt Inga.

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