Kanada: Kann eine Ölnation Klimaschützer sein? | Weather.com
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Waldbrände in Kanada: Kann eine Ölnation Klimaschützer sein?

Ein Lastwagen transportiert Ölsand in der Anlage von Suncor in der Nähe von Fort McMurray, Kanada, am Freitag, 1. September 2023. Die Förderung in diesem Gebiet, das als "Ölsand" bezeichnet wird, verbraucht enorme Mengen an Energie und macht das kanadische Öl - das zum größten Teil hier gewonnen wird - zu einem der schmutzigsten der Welt. (AP Foto/Victor R. Caivano)
Ein Lastwagen transportiert Ölsand in der Anlage von Suncor in der Nähe von Fort McMurray, Kanada, am Freitag, 1. September 2023. Die Förderung in diesem Gebiet, das als "Ölsand" bezeichnet wird, verbraucht enorme Mengen an Energie und macht das kanadische Öl - das zum größten Teil hier gewonnen wird - zu einem der schmutzigsten der Welt.
(AP Foto/Victor R. Caivano)

Julia Cardinal hat bei einem Waldbrand ihr Häuschen am Fluss verloren, das ihr viel bedeutet hat. Es war ihr Projekt für die Rente, ein Geschenk ihres Ehemanns und ein naturnaher Ort zum Leben, wie er in ihrer Familie seit Generationen große Bedeutung hat. "Es war unser Traumhaus", sagt Cardinal, die dem indigenen Volk der Chipewyan angehört. "Es ist wie eine Vertreibung."

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Die Hütte am Fluss wurde bei einem Feuer im Mai zerstört, das im Nordwesten von Kanada einen breiten Streifen aus Fichten- und Pinienwäldern vernichtete. Es war einer von Tausenden Wald- und Buschbränden, die in dem Land in diesem Jahr eine Fläche verwüsteten, die größer ist als der US-Staat Florida. Der dadurch verursachte Kohlendioxid-Ausstoß beträgt mehr als das Dreifache dessen, was Kanada in einem ganzen Jahr produziert. Und einige der Feuer wüten immer noch.

K​anada "größte Quelle von Kohlenstoff"

Regierungsvertreter, unter ihnen der liberale Premierminister Justin Trudeau, betonen seit langem, dass ihr Land seine Bodenschätze erschließen und dabei zugleich die Artenvielfalt schützen und den weltweiten Kampf gegen den Klimawandel anführen kann.

Doch die scheinbar endlose Waldbrandsaison richtet die Aufmerksamkeit auf zwei Aspekte, die zunehmend im Widerspruch zu stehen scheinen: das Bekenntnis des Landes zum Klimaschutz und sein Status als einer der größten Öl- und Gasproduzenten der Welt. Denn bei der Nutzung dieser Kraftstoffe wird CO2 freigesetzt, ein Treibhausgas, das die Atmosphäre aufheizt und die trockenen Bedingungen für Waldbrände intensiviert.

"Sie stellen Kanada als ökologisch dar", sagt die Umweltschützerin Jean L'Hommecourt von der indigenen Fort McKay First Nation. "Aber die größte Quelle von Kohlenstoff liegt hier."

K​anada will CO2-neutral werden

Kanada gehört zu etwa 100 Staaten, die bis zur Mitte des Jahrhunderts CO2-neutral werden wollen. Bei der UN-Klimakonferenz im vergangenen Jahr (COP27) schloss es sich zudem anderen wohlhabenden Ländern an, die Entwicklungsländern mehr Geld für den Kampf gegen den Klimawandel zusagten.

Doch zugleich war Kanada bei dem Gipfel in Ägypten mit der zweitgrößten Öl-, Gas- und Stahl-Lobby aller Teilnehmerstaaten vertreten. Elf führende Manager von Unternehmen wie Enbridge und Parkland nahmen an der Konferenz teil – auf der Staaten Klimaziele und Zeitpläne für die Reduzierung von Treibhausgasen festlegten. Das einzige Land mit einer noch größeren Delegation aus der fossilen Industrie war einer AP-Analyse zufolge Russland.

4,9 Millionen Barrel Öl am Tag

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In der westlichen Provinz Alberta, wo viele verheerende Brände tobten, befinden sich unter den Wäldern riesige Erdöl-Vorkommen gemischt mit teerhaltigem Sand. Bei der Förderung werden große Mengen an Energie verbraucht. Die Folgen für die Landschaft sind nicht zu übersehen: Auf einer Fläche, die größer ist als New York City, haben Ölkonzerne tiefe Tagebauminen gegraben, seegroße Abflussbecken für Chemikalien gebaut und Unmengen an neongelben Schwefel-Abfallprodukten hinterlassen.

In manchen Wochen rückten die Feuer so nah heran, dass die Ölfirmen ihre Produktion zeitweise stoppen mussten. Dennoch planen sie keine Drosselung. Seit 2009 hat der Abbau zähflüssiger Ölsande zugenommen. Heute produziert Kanada etwa 4,9 Millionen Barrel Öl am Tag. Im Jahr 2021 ging fast ein Drittel der landesweiten Emissionen auf Öl und Gas zurück.

Klimaforschende warnen

Ein Teil der kanadischen Begründung für die Förderung von so viel Gas und Öl im 21. Jahrhundert lautet: Das Land sei eine stabile Demokratie mit strengeren Umwelt- und Menschenrechtsgesetzen als andere Ölgiganten, von denen der Westen historisch abhängig war. Kanada ist der größte ausländische Öllieferant für die USA und deckt etwa 22 Prozent des dortigen Bedarfs ab.

Doch Klimaforschende warnen, dass Kanada bei den derzeitigen Fördermengen sein Null-Emissions-Ziel nicht erreichen wird. Die Gruppe Climate Action Tracker stuft die Fortschritte des Landes als "höchst unzureichend" ein und betont, dass Kanada seine Klimapolitik viel schneller umsetzen müsse. Die Wald- und Buschbrände werden die Dringlichkeit, Emissionen zu senken, weiter erhöhen – und stellen zudem ein ernstes Gesundheitsrisiko für die Menschen dar.

Lage ist kompliziert

Im Juni hatte sich ein Feuer der subarktischen, überwiegend indigenen Ortschaft Fort Chipewyan im Norden von Alberta genähert. Bei diesem Brand verloren Julia Cardinal und ihr Ehemann Happy Cardinal ihre Hütte, die etwa 45 Minuten per Boot entfernt lag.

Zwar ist die traumatische Erinnerung an das Feuer noch lebendig, doch die Gefühle des Paares sind kompliziert. Obwohl sie verstehen, welche Rolle die Erderwärmung dabei spielt und welchen Einfluss Öl auf das Klima sowie die Seen und Flüsse in ihrer Umgebung hat, wollen sie nicht schnell der Industrie die Schuld geben.

Happy Cardinal arbeitete selbst bis zum Beginn seines Ruhestands vor drei Jahren in der Ölsandförderung. "Dort kommt mein Geld her", sagt er.

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