Blue Ocean Event — Arktis wird eisfrei | Weather.com
Advertisement
Advertisement

Wenn die Arktis blau wird: Was ein fast eisfreier Sommer im Nordpolarmeer bedeutet

Das Arktisches Meereis schwindet — bald droht der erste eisfreie Sommer. Klimaforscher Dirk Notz erklärt, was das für den Planeten bedeutet.

schmelzende Eisberge auf Grönland's Inlandeis
Die Folgen des CO2-Ausstoßes sind unter anderem ein einsfreier Arktischer Ozean, der uns schon bald bevorsteht
(GettyImages)

Der Begriff „Blue Ocean Event“ klingt eigentlich harmlos. Doch gemeint ist ein tiefgreifender Wandel: Ein Sommer, in dem der Arktische Ozean praktisch eisfrei ist. Meereisforscher Dirk Notz erklärt, warum er den Ausdruck kritisch sieht, was in der Arktis tatsächlich passiert – und welches Warnsignal für den ganzen Planeten dahintersteckt.

Es geht um einen massiven Verlust

„Blue Ocean Event“ – der Begriff sei ihm selbst zunächst nicht geläufig gewesen, sagt Dirk Notz, stellvertretender Geschäftsführender Direktor am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg. Aus Sicht des Klimaforschers klingt er fast zu positiv: „Blue“, „Ocean“ und „Event“ seien alles Worte, die erst einmal nicht bedrohlich wirkten. Dabei gehe es in Wirklichkeit um einen massiven Verlust: Das Meereis auf dem Arktischen Ozean verschwindet im Sommer weitgehend.

In der Forschung spreche man eher von einem „eisfreien arktischen Ozean“ oder genauer von einem „praktisch eisfreien arktischen Ozean“. Für Notz sei das entscheidend, weil diese Formulierung den Verlust des Eises direkt benennt.

Bis 2050 wird die Arktis im Sommer eisfrei

Von einem praktisch eisfreien arktischen Ozean sprechen Fachleute dann, wenn die Meereisfläche im Sommer unter eine Million Quadratkilometer fällt. Rekordjahr für das Minimum war bisher 2012 mit nur noch 3,4 Millionen Quadratkilometern Eisfläche, so Notz. In den letzten Jahren läge die Eisfläche bei knapp über vier Millionen Quadratkilometern. Im Vergleich: In den 1970er- und 1980er-Jahren seien im Sommer noch etwa sieben bis acht Millionen Quadratkilometer von Eis bedeckt gewesen.

Dass es sich hierbei nicht um einen kurzfristigen Trend handelt, ist für Notz eindeutig: „Seit Jahrzehnten geht das arktische Meereis stark zurück“. Besonderen Einfluss auf das Phänomen nimmt dabei der CO₂-Ausstoß des Menschen: „Pro ausgestoßener Tonne CO₂ schrumpft die Fläche des arktischen Meereises um etwa drei Quadratmeter.“ Daraus ergibt sich für Notz auch der Blick in die Zukunft: Irgendwann vor 2050 werde es voraussichtlich den ersten Sommer mit einem praktisch eisfreien Arktischen Ozean geben, also schon innerhalb der nächsten 20 Jahren.

Ein Wandel mit gravierenden Folgen

Für Notz ist das Schrumpfen des sommerlichen Meereises eines der augenfälligsten Zeichen dafür, wie stark Menschen den Planeten bereits verändern. „Ob Eis da ist oder nicht, lässt sich unmittelbar begreifen – viel direkter als abstrakte globale Mittelwerte zur Erwärmung.“

Advertisement

Tragisch sei, dass sich nun abzeichne, dass praktisch eisfreie Sommer kaum noch zu verhindern sind. Das sei nicht überraschend, denn die Wissenschaft warnt seit Jahrzehnten vor diesen Auswirkungen des Klimawandels. „Das Problem ist vielmehr, dass der Klimaschutz zu langsam ist und immer noch zu viel CO2 ausgestoßen wird“, sagt Notz.

Die Folgen eines „Blue Ocean Events“

Das arktische Meereis hat Notz zufolge eine zentrale Funktion: „Es wirkt wie ein riesiger Spiegel für Sonnenlicht“. Gerade im arktischen Sommer, wenn die Sonne sehr lange scheint, reflektiert das Eis also einen großen Teil der Strahlung zurück ins All. Wird die Eisfläche kleiner, nimmt stattdessen der dunkle Ozean mehr Sonnenenergie auf und erwärmt sich zusätzlich.

Diese Erwärmung bleibt nicht folgenlos. Notz nennt tauenden Permafrost, das Abschmelzen des Grönländischen Eisschilds und tiefgreifende Veränderungen im Ökosystem. Arten, die auf das Eis angewiesen sind, geraten unter Druck, andere rücken nach. Auch traditionelle Lebensweisen der Menschen in der Arktis verändern sich. „Diese Beispiele zeigen, dass ein praktisch eisfreier arktischer Sommer kein isoliertes Naturphänomen, sondern Teil eines umfassenden Umbaus der Region ist“, betont er.

Ein Missverständnis sei es hingegen, dass das Schmelzen des Meereises zu einem direkten Anstieg des Meeresspiegels komme. „Denn dieses Eis schwimmt bereits im Wasser – wie ein Eiswürfel im Glas“, so Notz. Für den Meeresspiegel seien vielmehr das Schmelzen von Gletschern und Eisschildern an Land entscheidend.

Warum es trotzdem nicht zu spät ist

„Wenn der Mensch die Eisschmelze bremsen will, muss er den Ausstoß an CO₂ reduzieren“, sagt Notz. Dabei bleibt er realistisch: „Selbst, wenn einzelne eisfreie Sommer kaum noch abzuwenden sind, macht es einen großen Unterschied, wie viel CO₂ künftig noch in die Atmosphäre gelangt.“ Denn je mehr ausgestoßen werde, desto häufiger und länger werde die Arktis im Sommer eisfrei sein, so der Klimaforscher.

So wird aus dem „Blue Ocean Event“ vor allem eines: ein deutliches Warnsignal für die Menschheit. Nicht, weil der Begriff so treffend wäre – sondern weil er auf etwas hinweist, das nach Dirk Notz zeigt, wie tief der Mensch in das heutige und zukünftige Klimasystem der Erde eingreift.

Advertisement