Schulstart im Katastrophengebiet Ahrtal: Diesmal ist alles anders | Weather.com
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Schulstart im Katastrophengebiet Ahrtal: Diesmal ist alles anders

PRODUKTION - 20.08.2021, Rheinland-Pfalz, Bad Neuenahr: Nach der Flutkatastrophe wird im Peter-Joerres-Gymnasium aufgeräumt. (zu dpa-KORR "Diesmal ist alles anders - Schulstart im Katastrophengebiet Ahrtal") Foto: Thomas Frey/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Zerstörte Klassenzimmer: Das Peter-Joerres-Gymnasium im Ahrtal ist nur eine von vielen Schulen, die von der Flutkatastrophe verwüstet oder zerstört wurden.
(Foto: Thomas Frey/dpa)

Schulstart im Katastrophengebiet: „Ich habe ein mulmiges Gefühl“, sagt Berivan, eine junge Erzieherin an der Grundschule Bad Neuenahr, vor dem ersten Schultag nach den rheinland-pfälzischen Sommerferien an Montag, den 30.August. Viele Kinder könnten nach der Sturzflut mit 133 Todesopfern in der Nacht zum 15. Juli im Ahrtal traumatisiert sein. „Ich habe Nichten, die jetzt bei jedem Regen total Angst haben“, berichtet Berivan, die ihren Nachnamen nicht nennen will. „Aber sie spielen das auch. Sie setzen sich in Kisten und retten sich aus dem Hochwasser.“

Zersplitterte Scheiben, Schlamm und Trümmer auf dem Boden

Klassenräume und Turnhallen, Mensa und Aula: Überall ist in ihrer Grundschule Bad Neuenahr das braune Hochwasser eingedrungen. In der Berufsbildenden Schule (BBS) in Bad Neuenahr-Ahrweiler hat es sogar vier bis fünf Meter hoch gestanden, bis hinauf in Teile des ersten Stocks, wie der stellvertretende Schulleiter Klaus Müller sagt.

„Das Wasser ist nicht nur gestiegen, sondern als Teil eines Flusses durch das Gebäude geströmt“, erklärt er. Teils zersplitterte Scheiben im Erdgeschoss, Schlamm und Trümmer auf dem Boden, von der Decke hängende Leitungen: Hier wie auch im ebenfalls zerstörten Peter-Joerres-Gymnasium in der Kurstadt fahren nun Radlader durch die Räume und entfernen Schutt.

Unterricht im Container

Timmy Adolf von einer Sicherheitsfirma bewacht mit Kollegen die BBS: „Wir müssen hier immer wieder Katastrophentouristen zurückweisen. Aber es kommen auch manche, die ins Schulsekretariat oder zu ihrem Spind wollen. Das geht nicht, hier reinzugehen ist zu gefährlich.“

Laut dem rheinland-pfälzischen Bildungsministerium sind 17 Schulen im Ahrtal stark beschädigt worden, acht davon so sehr, dass vorerst kein Betrieb mehr möglich ist. Nun werden Schüler auf 19 andere Schulen aufgeteilt. Manche Mädchen und Jungen müssen auch in Containern unterrichtet werden. Betroffene Grundschüler können nun dem Ministerium zufolge Schulwege von bis zu rund 15 Kilometern Länge haben. Manche Förderschüler müssen sogar bis zu 50 oder 60 Kilometer zu ihrer Ersatzschule fahren.

Viele Kinder sind noch von der Flut traumatisiert

Wegen der vielen zerstörten Brücken und Straßen im Ahrtal könnten Touren für Schulbusse und Elterntaxis ungewohnt lange dauern. Auch die Gleise der Ahrtalbahn sind teils kaputt. Ihre Ersatzbusse sind ebenfalls zeitlich mit den „Zügen auf der Schiene nicht konkurrenzfähig“, teilt der Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Nord mit.

Der Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, Guido Orthen (CDU) sagt: „Viele Kinder kommen anders in die Schulen zurück.“ Es gebe Mädchen und Jungen, „die nachts ihren Papa wachrütteln und schreien: ‚Das Wasser kommt wieder.‘“ Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Carmen Schmitt spricht von einer Doppelkrise: „Die Kinder sind schon durch Corona belastet - und jetzt noch durch die Flut.“ Viele Schüler hätten ihre vier Wände verloren und seien mit ihrer Familie beispielsweise bei den Großeltern beengt untergekommen, mit den Eltern im Homeoffice. Zudem seien Spiel- und Sportplätze zerstört worden. „Die größte Hilfe wäre, in der Schule mit dem Leistungsaspekt etwas runterzugehen“, betont Schmitt.

„Es darf jetzt keinen Leistungs- und keinen Notendruck geben“

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Auch von anderer Seite heißt es, beim Schulstart an der Ahr sollte die Bewältigung der Katastrophe im Vordergrund stehen. Gute Noten seien hier gerade nicht das wichtigste Thema, hat Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) kürzlich gesagt. „Es darf jetzt keinen Leistungs- und keinen Notendruck geben.“ Sie wollte am Montag die Grundschule Bad Neuenahr besuchen - und auch die unversehrte Realschule plus in Adenau in der Eifel, die Schüler aus dem Ahrtal aufnimmt.

Das Bildungsministerium betont: „Die psychische Doppelbelastung durch Corona und die Flutkatastrophe nehmen wir sehr ernst.“ Rund 20 Schulpsychologen aus Rheinland-Pfalz und etwa 15 Kollegen aus den benachbarten Bundesländern seien beim Schulstart für flutbetroffene Klassenverbände im Einsatz. Diese könnten weitestgehend zusammenbleiben. Zur Entlastung besonders betroffener Schulleitungen und Kollegien gebe es 21 zusätzliche Planstellen.

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Der stellvertretende BBS-Schulleiter Müller sagt: „Fast jeder hier im Ahrtal kennt Familien auch mit Todesopfern.“ Er selbst habe am Vortag der Flut mit Kollegen nach vielen Corona-Monaten fröhlich das erste Grillfest seit eineinhalb Jahren gefeiert - und einen Tag später seien eine Kollegin und ein pensionierter Kollege tot gewesen. „Ich habe mein Kollegium darüber informiert. Das ist die schwerste E-Mail meines Lebens gewesen“, erinnert sich Müller. Dem Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler schwant mit Blick auf das Hochwasser: „Das wird uns bis zum letzten Atemzug begleiten.“

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