Vogelschwärme fallen tot vom Himmel: Die traurige Wahrheit über das Massensterben unserer Zeit

Vogelschwärme fallen tot vom Himmel: Die traurige Wahrheit über das Massensterben unserer Zeit

Vögel landen auf einem Baum, hinter dem die Sonne aufgeht
Vögel landen auf einem Baum, hinter dem die Sonne aufgeht
(Getty Images)

In den kommenden 50 Jahren werden ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten von der Erde verschwinden. Das sagen die Biologen Cristian Román-Palacios und John Wiens von der University of Arizona in einer Studie vorher, die im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschien.

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Tatsächlich ist das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte bereits in vollem Gang. Diesmal sind jedoch keine Naturkatastrophen die Ursache wie bei den früheren Aussterbeereignissen, sondern allein die Menschen durch ihr zerstörerisches Handeln. Sie rauben ihren Mitgeschöpfen durch Städtebau, riesige landwirtschaftliche Monokulturen und die Rodung von Urwäldern nicht nur Lebensräume, sondern bringen sie auch durch den Klimawandel in Bedrängnis.

Wie viel Veränderung erträgt eine Art, ohne zu verschwinden?

Darum ging es den Studienautoren. Zwar hatte es schon zuvor ähnliche Prognosen gegeben. Doch Román-Palacios und Wiens verfolgten einen neuen Ansatz: Sie nahmen 538 Arten an 581 Orten weltweit unter die Lupe, um zu sehen, wie sich deren Populationen durch die globale Erwärmung verändern. Dabei konzentrierten sie sich auf Spezies, für die seit mindestens zehn Jahren Daten vorliegen. Diese setzten sie in Beziehung zur Entwicklung der Erdtemperatur, aber auch zu Wanderungsbewegungen und anderen relevanten Faktoren.

So konnten sie einen recht präzisen Überblick über den zeitlichen Ablauf und die kausalen Zusammenhänge gewinnen, die zum Niedergang der einzelnen Arten führen. Wie sich zeigte, waren 44 Prozent der untersuchten Tierarten an mindestens einem der betrachteten Orte ausgestorben. „Indem wir die Veränderungen bei 19 Klimavariablen an jedem Ort analysierten, konnten wir bestimmen, welche davon lokale Aussterbeereignisse verursachen und wie viel Veränderung eine Art erträgt, ohne zu verschwinden“, sagt Román-Palacios. „Wir schätzten auch ab, wie schnell Populationen abwandern können, um steigenden Temperaturen zu entgehen.“

Die meisten Arten können nicht schnell genug ausweichen

Als Schlüsselvariable erwies sich die jährliche Höchsttemperatur an einem Ort, also meist die höchsten Tagestemperaturen im Sommer. Überraschenderweise spielte die jährliche Durchschnittstemperatur eine geringere Rolle, obwohl diese sonst als Maß für den Klimawandel gilt. „Von der Jahresmitteltemperatur auf das Sterben einer Art zu schließen könnte also positiv fehlleiten“, konstatiert Studienmitautor Wiens.

Weiter zeigte sich, dass die meisten Arten nicht schnell genug in kühlere Lebensräume ausweichen können, um der Erwärmung zu entkommen. Eher konnten sie die höheren Temperaturen eine zeitlang tolerieren. Etwa die Hälfte der Arten verschwand aber, wenn die lokale Temperatur um 0,5 Grad Celsius ansteigt. Betrug die Erwärmung mehr als 2,9 Grad, war es um 95 Prozent der betroffenen Arten geschehen.

Größter Artenverlust in den Tropen zu befürchten

Insgesamt hat sich die Erde gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits um ein Grad erwärmt. Ohne entschlossene Gegenmaßnahmen dürften es bis 2100 rund drei Grad werden. Aus diesen Daten leiten die beiden Forscher ihre Prognose für die künftigen Aussterberaten ab.

„Würde das Klimaabkommen von Paris eingehalten, um den Klimawandel zu bekämpfen, würden wir auf der Erde bis 2070 weniger als zwei von jeweils zehn Tier- und Pflanzenarten verlieren“, erklärt Wiens. „Lässt die Menschheit aber einen stärkeren Temperaturanstieg zu, könnten es mehr als ein Drittel oder sogar die Hälfte sein.“ Der größte Artenverlust sei dabei in den Tropen zu erwarten.

Forscher nehmen temperaturempfindliche Beutelmaus ins Visier

Eine Reihe weiterer Studien lässt anhand vieler Beispiele erkennen, wie sich der Artentod im Einzelnen vollzieht. In einer davon – erschienen in „Frontiers in Physiology“ – untersuchten norwegische Forscher, wie sich höhere Temperaturen auf australische Gelbfuß-Beutelmäuse auswirken. Die kleinen Beuteltiere, die hauptsächlich von Insekten leben, sind für ihr ungewöhnliches Sexualleben bekannt: Bei der Paarung geraten die Männchen derart in Ekstase, dass sie durch den Stress kurz danach sterben.

Beutelmäuse sind auch sehr temperaturempfindlich. Fällt das Thermometer, können sie in eine Koma-ähnliche Starre verfallen. Die Norweger untersuchten bei 19 Jungtieren anhand ihres Stoffwechsels sowie ihres Verhaltens, wie sie auf kühle und hohe Temperaturen reagieren. Wie sich zeigte, ertragen sie kurze Hitzephasen, doch bei anhaltender Wärme stieg ihre Tagesaktivität, ihre Stoffwechselrate sank dagegen deutlich.

Schlechte Nachrichten für Australien

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„Das ist bedeutsam dafür, wie diese Art auf den Klimawandel reagiert“, konstatiert Studienhauptautorin Clare Stawski von der Universität Trondheim. „Tiere, die unter warmen Bedingungen aufwuchsen, sind phänotypisch offenbar weniger flexibel, was darauf hindeutet, dass sie sich einem länger andauernden Temperaturanstieg nicht anpassen können.“

Ihre Ergebnisse, so Stawski weiter, liessen sich auch auf andere kleine Beuteltiere übertragen. Das sei keine gute Nachricht, verlautbart die australische Wissenschaftsorganisation CSIRO, denn höchstwahrscheinlich seien für den Kontinent vermehrt Hitzewellen zu erwarten. Diese Arten könnten dann allmählich verschwinden.

Wegen Hitzewellen: Vogelschwärme fallen tot vom Himmel

Ein ähnliches Schicksal dürfte auch vielen Schlangen in Mittelamerika bevorstehen. Sie stehen am Ende einer Nahrungskette, die mit kleinen Amphibien – vorwiegend Fröschen – beginnt. Diese aber fallen seit einiger Zeit einem Pilz zum Opfer, dessen Ausbreitung durch die Erderwärmung begünstigt wird. Das berichten Biologen der University of Maryland im Wissenschaftsjournal „Science“. „Nach dem Massensterben der Amphibien sind an unserem Studienort weniger Arten von Schlangen vorhanden, und viele Individuen waren in einem schlechten Zustand“, schreiben die Autoren.

Insgesamt macht die Erderwärmung immer mehr Arten zu schaffen. Betroffen sind insbesondere kaltblütige Tiere wie Fische und Reptilien. Bei Schildkröten etwa bestimmt die Umgebungstemperatur das Geschlecht der in den Eiern heranwachsenden Jungtiere. In Australien schlüpfen mittlerweile fast nur noch Weibchen, weil der Sand mit den Gelegen immer heißer wird. Infolge anhaltender Hitzewellen fielen in den australischen Wüsten auch schon Vogelschwärme tot vom Himmel.

Hitzewellen machen selbst "Überlebenskünstlern" zu schaffen

Die Bedrohung mach auch vor so winzigen Geschöpfen wie den Bärtierchen nicht Halt. Sie leben in Süß- und Salzwasser sowie in feuchten Lebensräumen an Land, aber auch in Hochgebirgen, am Rand der Antarktis und an Vulkanen. Kälte- und Trockenperioden, hohe Strahlendosen, Schwankungen im Salzgehalt des Wassers oder selbst Sauerstoffmangel überstehen sie problemlos. Doch wie eine Studie von Biologen der Universität Kopenhagen zeigt, ist es bei anhaltenden Hitzewellen mit Temperaturen über 38 Grad Celsius auch um diese Überlebenskünstler geschehen.

Ihre Widerstandskraft beruht darauf, dass sie unter widrigen Umweltbedingungen ihren Stoffwechsel drastisch herunterfahren können. Doch bei Hitze gelingt ihnen dies offensichtlich nicht. „Wir haben ihre Achillesferse gefunden“, erklärt Studienhauptautor Ricardo Neves. „Bärtierchen sind wohl doch nicht die fast unzerstörbaren Organismen, wie sie von populären Medien oft dargestellt werden.“

"Wenn die sterben, sterben auch wir“

Andere Forscher ziehen weitreichende Schlüsse aus dem Studienergebnis. „Bei fortgesetzter Erderwärmung werden viele Bärtierchen sterben, das trägt zum Verlust an Biodiversität bei“, urteilt der Biologe Jim Kadonaga von der University of California in San Diego.

Kadonagas Kollege Mark Blaxter vom britischen Wellcome Sanger Institute warnt vor den Folgen. „Bärtierchen gelten als prototypisch für Böden und Sedimente, und wenn sie unbesiegbar sind, denken wir, die Böden seien das auch, darum müssen wir uns nicht kümmern“, betont Baxter. „Wenn sie aber trotz ihrer Superkräfte von Klimawandel genauso betroffen sind wie Eisbären und Regenwälder, müssen wir uns durchaus um Böden und Sedimente sorgen, denn wenn die sterben, sterben auch wir.“

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