Stickstoff verändert Europas Pflanzenwelt stärker als Klima | Weather.com
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Nicht das Klima ist der Haupttreiber: Stickstoff verändert Europas Pflanzenwelt

Stickstoff aus Dünger und Abgasen verändert Europas Vegetation stärker als steigende Temperaturen. Eine neue Studie mit fast 14.000 Pflanzenarten belegt den Trend über sechs Jahrzehnte.

03.07.2023, Bayern, München: Bunte Blumen blühen auf einer Wiese im englischen Garten. Im Hintergrund ist der Monopteros zu sehen. (Sabina Crisan/dpa)
Bunte Blumenwiese im Englischen Garten in München — solche artenreichen Flächen werden in Europa immer seltener. Überdüngung mit Stickstoff verdrängt viele Blütenpflanzen.
(Sabina Crisan/dpa)

Auf Europas Wiesen verschwinden Blütenpflanzen, in Feuchtgebieten fehlen typische Arten und in den Bergen verschiebt sich die Vegetation immer weiter nach oben. Da liegt der Verdacht nahe: Klimawandel. Doch eine neue Großstudie rückt einen anderen Verursacher ins Zentrum — Stickstoff. Die Untersuchung der Tschechischen Agraruniversität in Prag in Zusammenarbeit mit Uni Wien wurde Anfang April 2026 im Fachjournal Science Advances veröffentlicht.

Was genau wurde gemessen?

Es handelt sich dabei um eine der größten Analysen zur Vegetationsentwicklung, die je in Europa durchgeführt wurden. Die Forschenden werteten 644.524 Vegetationsaufnahmen aus und verfolgten die Entwicklung von fast 14.000 Pflanzenarten über sechs Jahrzehnte — von 1960 bis 2020. Statt Temperatur- oder CO2-Daten zu messen, nutzten sie bewährtes System, das jede Pflanzenart nach ihren bevorzugten Standortbedingungen einstuft — etwa nach Nährstoffbedarf, Lichtanspruch, Feuchtigkeitspräferenz oder Temperaturvorliebe. Der Vorteil: Verschiebt sich die Artenzusammensetzung auf einer Fläche, verraten diese Werte, welcher Umweltfaktor dahintersteckt.

Was ist das zentrale Ergebnis?

Der stärkste Wandel geht nicht auf steigende Temperaturen zurück, sondern auf Nährstoffanreicherung. Über alle untersuchten Lebensräume hinweg nahmen stickstoffliebende Pflanzenarten deutlich zu, begleitet von einem moderaten Anstieg schattentoleranter Arten. Das Temperatursignal dagegen blieb weitgehend stabil — mit einer Ausnahme: in alpinen Hochlagen, wo sich seit etwa dem Jahr 2000 wärmeliebende Arten ausbreiten. Konkret: Auf 62 Prozent der untersuchten Flächen stieg der Stickstoff-Wert messbar an — ein Muster, das sich quer durch Europa zieht.

Warum verdrängt Stickstoff so viele Arten?

Wo wenig Nährstoffe im Boden stecken, konkurrieren viele Pflanzenarten gleichberechtigt. Das ist auch der Grund, warum solche Lebensräume besonders artenreich sind. Gelangt jedoch zusätzlicher Stickstoff aus Dünger, Gülle oder Abgasen in diese Böden, kippt das Gleichgewicht: Wenige stickstoffliebende Arten wie Brennnessel oder Löwenzahn wachsen schneller und überwuchern die Konkurrenz. So bricht die Vielfalt ein.

Nicht nur Wiesen sind betroffen — auch in Wäldern verschiebt Stickstoff die Artenzusammensetzung. Unter dem Kronendach wachsen normalerweise Pflanzen, die mit wenig Nährstoffen auskommen: Waldmeister, Sauerklee, seltene Farne. Steigt der Stickstoffeintrag, verdrängen schnell wachsende Arten wie Brombeeren, Springkraut oder Holunder diese genügsamen Spezialisten, wie das Recherche-Kollektiv Countdown Natur von RiffReporter dokumentiert hat. Die Wälder gleichen sich in ihrem Artenspektrum immer weiter an — Fachleute sprechen von biotischer Homogenisierung.

Woher kommt der Stickstoff?

Zwei Quellen treiben die Überdüngung: Mineraldünger und Gülle aus der Landwirtschaft sowie Stickoxide aus Verkehr und Industrie. Daneben verstärkt ein dritter Faktor den Wandel: Wenn Wiesen seltener gemäht oder beweidet werden, wächst mehr Biomasse nach und die Pflanzen stehen dichter. Das hat zur Folge, dass weniger Licht den Boden erreicht und lichtbedürftige Arten verschwinden.

In Deutschland hat die Landwirtschaft ihren Stickstoffüberschuss seit 1990 zwawr von 117 auf 77 Kilogramm pro Hektar gesenkt. Das Ziel der Bundesregierung — 70 Kilogramm bis 2030 — ist damit noch nicht erreicht.

Was hat sich auf Deutschlands Wiesen verändert?

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Die Folgen der Überdüngung machen sich auf dem Grünland besonders bemerkbar. Seit 1950 hat sich laut der Studie die Häufigkeit typischer Wiesenpflanzenarten um bis zu 90 Prozent verringert. Auf Ackerflächen sind mehr als 95 Prozent der einst vorkommenden Wildpflanzenarten verschwunden. Und von den noch rund 350 beständigen Wildpflanzenarten gilt rund ein Drittel als gefährdet.

Grund für Tier- und Insektenschwund

Insgesamt schrumpft das Gründland in Deutschland massiv — und was bleibt, wird intensiver genutzt. Seit 1991 wurden über 600.000 Hektar Wiesen und Weiden in Ackerflächen umgewandelt. Die verbliebenen Flächen werden stärker gedüngt und bis zu fünfmal im Jahr gemäht. Bodenbrüter wie der Kiebitz können ihre Brut dort nicht mehr aufziehen. Mit jeder verdrängten Pflanzenart verschwinden auch spezialisierte Insekten.

Welche Rolle spielt der Klimawandel dann noch?

Eine differenziertere als gedacht. In den meisten Lebensräumen blieb der Temperatur-Wert über die untersuchten sechs Jahrzehnte stabil. Das bedeutet aber nicht, dass die Erwärmung keine Rolle spielt, denn sie wirkt aber vor allem indirekt: Höhere Temperaturen zusammen mit mehr CO2 und Nährstoffen fördern das Pflanzenwachstum, die Bestände verdichten sich und weniger Licht erreicht den Boden. So verstärkt das Klima den Stickstoffeffekt.

Effekt in den Alpen

Anders sieht es in den Alpen aus: In alpinen und subalpinen Regionen breiten sich wärmeliebende Pflanzen seit der Jahrtausendwende deutlich stärker aus. Dort sind die Distanzen zwischen Klimazonen kurz und Arten aus tieferen Lagen können leichter nach oben vordringen.

Was passiert mit Feuchtgebieten?

Auch Feuchtgebiete verlieren ihre typischen Pflanzen. Dort sanken auch die gemessenen Feuchte-Werte — ein Effekt, den Entwässerung, Trockenperioden und Eingriffe in den Wasserhaushalt vorantreiben. Die Folgen reichen bis ins Meer: Denn ein Sechstel der gesamten Ostsee gilt mittlerweile als sauerstoffarm. Zum Vergleich: Das ist eine Fläche viermal so groß wie Schleswig-Holstein.

Was lässt sich gegen die Überdüngung tun?

Der entscheidenden Hebel ist laut der Studie die Reduktion von Stickstoffeinträgen. Das betrifft vor allem die Landwirtschaft und die Emissionen aus fossilen Brennstoffen. Was konkret helfen kann: Pufferzonen um Schutzgebiete, die Nährstoffeinträge von außen verringern. Extensive Bewirtschaftung, die Flächen offen und nährstoffarm hält. Regelmäßige Mahd und Beweidung, die artenreiche Wiesen fördert, statt sie zuwachsen zu lassen. Nur so lasse sich die Kette aus Überdüngung, Artenverlust und Ökosystemschäden unterbrechen.

Mit Material von Science Advances, smartup news, Umweltbundesamt, Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung

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