Tornados in Deutschland häufiger als gedacht | Weather.com
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Tornados in Deutschland: „Nicht so selten, wie man meint“

Tornados in Deutschland treten öfter auf als viele vermuten. Der DWD zählt im Schnitt 49 Fälle pro Jahr, doch die Ursachen werden oft missverstanden.

Die Tornado-Saison in Deutschland hat ihren Höhepunkt meist im August
(dpa)

Fast 50 Tornados pro Jahr in Deutschland – das sind wahrscheinlich mehr als viele denken. Zwar traten die gefährlichen Wirbelstürme 2025 etwas weniger auf – dennoch stiegen die Zahlen in den vergangenen zwanzig Jahren an. Woran liegt das?

„In Deutschland gibt es im Schnitt 49 Tornados pro Jahr, darunter sind 18 Tornados über dem Wasser“, sagt Marcus Beyer, Meteorologe und Tornado-Experte vom Deutschen Wetterdienst (DWD). „Tornados sind also gar nicht so selten, wie man gemeinhin meint.“ Die Tornadosaison liegt laut DWD in der warmen Jahreshälfte zwischen Mai und September. Die meisten Tornados können im August verzeichnet werden, während das Maximum der stärkeren Tornados im Frühsommer zu finden ist.

Hochburg Norditalien

Auch in anderen Ländern in der EU gibt es jedes Jahr mehrere Tornados. „Die Hochburg in Sachen Tornados markiert Norditalien“, sagt der Tornadoexperte. „Dort sorgt die Kombination aus Mittelmeer und Alpen für ideale Bedingungen, damit alle benötigten Zutaten zusammenkommen.“ Für Tornados braucht man neben ausreichend Feuchtigkeit, auch eine starke Abnahme der Temperatur mit der Höhe sowie Hebung. Daneben ist aber auch die Veränderung des Windes mit der Höhe - in Stärke und Richtung – essentiell. Ganz besonders schaut man da auf den Höhenbereich zwischen Boden und 1000 Metern Höhe.

Jahresbilanz 2025: Stärkster Tornado in Baden-Württemberg

In einer Nachbesprechung Anfang Februar, konnten Beyer zufolge noch einige Tornadoverdachtsfälle aus dem Jahr 2025 bestätigt werden, sodass am Ende 46 bestätigte Tornados zu Buche stehen. Damit liegt das Jahr 2025 nur leicht unter dem vieljährigen Mittel von etwa 49 pro Jahr. Grund dafür sei vor allem die Gewitterarmut im vergangenen Jahr – Gewitter oder stärkere Schauer sind eine Grundvoraussetzung für die Entstehung von Tornados.

Hauptaktivitätsmonate waren 2025 wie erwartet Mai bis September, mit einem Maximum im Monat Juli. Insgesamt traten etwa 17 Wasserhosen, also Tornados über Wasser, auf. Das entspricht etwas mehr als einem Drittel aller bestätigten Ereignisse – und reiht sich damit in den vieljährigen Mittelwert ein. Stärkere Tornados (IF 2) gab es etwa in Kreuzbruch nördlich von Berlin und in Baden-Württemberg. „Der stärkste Tornado der Saison trat dort am 4. Juni in Donaustetten bei Ulm auf. Auf einer Strecke von 15,5 Kilometern wurden erhebliche Schäden angerichtet. Die Windgeschwindigkeiten des Tornados werden in einen Bereich von etwa 220 Kilometern pro Stunde geschätzt“, so Beyer.

Sechs Tornados an einem Tag

Der aktivste Tornadotag war der 28. Mai, als über der Mitte des Landes insgesamt mindestens sechs Tornados aufgetreten sind – davon drei über in Hessen, zwei in Bayern und einer in Sachsen. „Vor allem bei dem Fall in Hessisch-Lichtenau, in Nordhessen, gab es größere Gebäudeschäden, da der Tornado auf einer Strecke von 1,4 Kilometern über bebautes Gebiet gezogen ist“, bilanziert Beyer.

„Mehr“ Tornados durch bessere Erfassung

Eine Analyse des DWD, die kürzlich in dem Fachmagazin „Meteorologische Zeitschrift“ erschien, zeigt, dass die durchschnittliche Zahl bestätigter Tornados in Deutschland zwischen 2000 und 2024 etwa 49 pro Jahr beträgt. Das sind deutlich mehr Fälle als frühere grobe Schätzungen von etwa 10 bis 20 Fällen pro Jahr.

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Dass sich die Zahl der erkannten und dokumentierten Ereignisse in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht hat, lässt sich aber vor allem auf verbesserte Beobachtung, mehr Schadensmeldungen und intensivere Dokumentation vor allem durch die Digitalfotografie und das Internet zurückführen. „Meteorologische Veränderungen, etwa durch den Klimawandel, können daraus nicht abgeleitet werden“, macht Tornado-Experte Beyer deutlich. Demnach zeigt sich in den letzten 25 Jahren kein Trend für eine Zu- oder Abnahme der Tornadozahlen in Deutschland.

Klar ist aber auch: Es gibt eine gewisse Dunkelziffer an Tornados, die schlicht nicht entdeckt werden, weil sie beispielsweise über Wälder ziehen. „Wir gehen davon aus, dass jährlich um die 20 Tornados durch die Statistik rutschen“, sagt Beyer.

Tornadojäger helfen bei Erstellung der Statistiken

Wo und wann ein Tornado auftritt, lässt sich aufgrund der Kleinräumigkeit und da nicht jedes Gewitter bei gleichen Voraussetzungen auch einen Tornado hervorbringt, kaum vorhersagen. Möglich ist aber ein erhöhtes Potential für das Auftreten von Tornados vorherzusagen, wenn die notwendigen Zutaten in den Wettermodellen zusammenkommen. Im sogenannten Nowcasting – also der Ist-Vorhersage – hält der DWD dann nach eigenen Angaben gezielt nach rotierenden Gewitterzellen Ausschau.

Während der DWD bei Sichtungen Warnungen herausgibt, versuchen andere, Tornados zu jagen – um sie aus nächster Nähe zu beobachten, zu fotografieren und zu filmen. Auch Hollywoodfilme wie „Twister“ – in den USA die umgangssprachliche Bezeichnung für Tornado – widmen sich dem Thema Tornadojagd. Was irrsinnig klingt und mitunter lebensbedrohlich werden kann, hat aber auch einen praktischen Nutzen: Die Sturm- und Tornadojäger helfen mit ihren Sichtungen und Meldungen dem DWD, die jährlichen Statistiken über Tornados zu erstellen. In Deutschland gibt es mehrere sogenannte Chaserorganisationen wie etwa die Thüringer Stormchaser (TSC).

Verdachtsfälle sorgfältig geprüft

„Aber nicht jede vermeintliche Sichtung findet ohne eine eingehende Prüfung durch ein deutsches Experten-Team den Weg in die Tornado-Statistik“, erklärt Beyer. Zu dieser Vereinigung von Tornadoexperten gehört neben dem DWD auch die Tornado-Arbeitsgruppe Deutschland (TAD), bestehend aus Meteorologen, Forstwirten, Mathematikern und Laien. Zunächst wird geprüft, ob die meteorologischen Bedingungen für einen Tornado überhaupt gegeben waren. Dazu gehören die Analyse der Großwetterlage und die Auswertung von Radarbildern, um rotierende Gewitterzellen nachzuweisen.

Anschließend werden Augenzeugenberichte sowie Foto- und Videoaufnahmen ausgewertet und das Schadensbild daraufhin untersucht, ob es typisch für einen Tornado ist. Falls nötig, kommen auch hochaufgelöste Satellitenbilder oder Vor-Ort-Untersuchungen mit Hilfe von Drohnen zum Einsatz. Letzteres wird vor allem vom Tornado Kartierungs- und Untersuchungsprojekt Deutschland (TorKUD) unterstützt. Die Zusammenarbeit mit dem Europäischen Unwetterlabor (European Severe Storms Laboratory, ESSL), das eine europäische Unwetterdatenbank (ESWD) betreibt, ist ebenso wichtig. Am Ende werden alle Informationen anhand einer objektiven Bewertungsmatrix zusammengeführt und der Fall wird bestätigt, verworfen oder als Verdachtsfall weitergeführt.

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