Invasive Arten profitieren von Erwärmung des Mittelmeers | Weather.com
Advertisement
Advertisement

Klimaerwärmung: 800 invasive Arten haben das Mittelmeer erobert

Der Klimawandel heizt das Mittelmeer auf und lockt giftige Eindringlinge an. Kugelfisch und Feuerfisch verdrängen die heimischen Fische.

A lionfish is seen on a fishing boat off the coast of Larnaca, Cyprus, in the eastern Mediterranean, early Saturday, Dec. 20, 2025. (AP Photo/Petros Karadjias)
Möglich wegen der Meereserwärmung: Der Feuerfisch wurde 2012 erstmals im östlichen Mittelmeer registriert, seither hat er sich rasch westwärts ausgebreitet.
(AP Photo/Petros Karadjias)

Der Klimawandel setzt dem Mittelmeer zu: Er führt laut Wissenschaftlern zu einer Erwärmung der Gewässer und zur Einwanderung Hunderter invasiver Fischarten, die die einheimischen Bestände dezimieren. Angesichts schwindender Biodiversität werden auch Küstengemeinden zunehmend Schwierigkeiten haben, ihren Lebensunterhalt so zu bestreiten, wie sie es seit Generationen gewohnt sind.

Mittelmeer ist "Hotspot" des Klimawandels

"Das Mittelmeer unserer Vorfahren ist für immer verloren. Viele dieser Veränderungen sind irreversibel", sagt Ernesto Azzuro, Biologe am Institut für Meeresbiologische Ressourcen und Biotechnologie des Italienischen Nationalen Forschungsrats. Forscher betrachten das Mittelmeer als einen "Hotspot" des Klimawandels und rechnen damit, dass sich sein Wasser bis 2100 um zwei bis sechs Grad erwärmt.

Ein entscheidender Faktor dafür sei, dass das Meer ein geschlossenes Becken ist und sich die Wärme nicht wie in den Weiten der Ozeane verteilen kann, sagt Ronan McAdam, Ozeanograf am Euro-Mediterranean Center on Climate Change.

Neue Arten kommen durch den Suezkanal

Die sich erwärmenden Gewässer hätten sich zu einem einladenden neuen Lebensraum für invasive Arten wie den Gefleckten Kugelfisch entwickelt, ein gefräßiges Raubtier und der "schlimmste Eindringling", sagt Meeresbiologe Azzuro. Die neuen Arten sind durch den Suezkanal ins Mittelmeer gelangt und dringen nun Richtung Frankreich und Spanien vor. Laut der Welternährungsorganisation sind solche Arten in dem Gewässer seit Jahrzehnten präsent, doch hat sich ihre Verbreitung ab den frühen 2000er Jahren beschleunigt, im Einklang mit steigenden Meerestemperaturen. Der Feuerfisch beispielsweise wurde 2012 erstmals im östlichen Mittelmeer registriert, seither hat er sich rasch westwärts ausgebreitet.

Das Mittelmeer werde biologisch ärmer, weil der Klimawandel vor allem dessen östlichen Teil für einheimische Arten als Lebensraum ungeeignet werden lasse, sagt Azzuro. Zypern bekam die Folgen der Einwanderung invasiver Fischarten wegen seiner Nähe zum Suezkanal als erstes zu spüren.

Feuerfische und Kaninchenfische treiben ihr Unwesen

Der Feuerfisch hat einheimische Bestände wie die Rotbarbe verdrängt – sehr zum Leidwesen der Fischer, die mit ansehen mussten, wie die bei den Kunden beliebten lokalen Arten stark zurückgegangen sind. Zudem gibt es Kaninchenfische, die Algen vom Meeresboden fressen und so den Lebensraum vieler einheimischer Arten zerstören.

Fast alle Muschelbestände an der Adria abgestorben

Advertisement

"Wir wissen, was zu tun wäre. Wir sollten den Verbrauch fossiler Brennstoffe reduzieren", sagt Piero Genovesi Papik, Zoologe am nationalen Höheren Institut für Umweltschutz und -forschung. Das erfordere jedoch eine globale, gemeinsame Vision. Azzuro zufolge wurden im Mittelmeer etwa 1.000 invasive Arten erfasst, von denen sich 800 fest etabliert haben. Die Veränderungen sind eklatant.

In den flachen Gewässern des östlichen Mittelmeers sind 93 Prozent der Weichtierpopulation verschwunden. Die Adriaküste von Venedig bis Bari war einst reich an Muscheln, doch fast alle sind wegen der Meerestemperaturen von zeitweise über 30 Grad abgestorben.

Gefahren für die menschliche Gesundheit

Azzuro erklärt, sein Institut und dessen Partner hätten vor einigen Jahren eine Kampagne unter dem Motto "Vorsicht vor diesen vier" ins Leben gerufen, um das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen, die invasive Arten für die menschliche Gesundheit darstellen. Der Kugelfisch etwa ist giftig und potenziell tödlich, wenn er von Menschen verzehrt wird. Und die giftigen Stacheln des Feuerfischs können jeden, der davon gestochen wird, schwer verletzen.

In der Wissenschaft wird darüber diskutiert, wie Küstengemeinden mit den Veränderungen umgehen können. Eine Möglichkeit ist, essbare invasive Arten zu vermarkten. Eine andere ist, Fischer für den Fang ungenießbarer Arten wie den Kugelfisch zu bezahlen, um die Tiere dann zu verbrennen.

Wege zur Eindämmung invasiver Arten gesucht

Einige Arten wie der Feuerfisch hätten einen klaren wirtschaftlichen Nutzen, da er in manchen Ländern im Verkauf hohe Preise erziele, sagt Azzuro. Den invasiven Braunen Kaninchenfisch, dessen Bestand in italienischen Gewässern deutlich zugenommen hat, haben Fischer noch nicht für sich genutzt. Zoologe Papik sagt, zwar sei es zu spät, die Verbreitung invasiver Arten im Mittelmeer rückgängig zu machen, doch gebe es praktische Möglichkeiten, die Folgen zu begrenzen.

Zunächst gelte es, ihre weitere Ausbreitung zu verhindern, indem ein internationaler Vertrag durchgesetzt werde, der nationale Behörden dazu verpflichtet, das Ballastwasser einlaufender Schiffe, das solche Arten enthalten könnte, zu behandeln. Das sei technisch machbar und könne die Zahl neuer fremder Arten um 95 bis 99 Prozent reduzieren. Ein weiterer Weg sei die Behandlung von Schiffsrümpfen mit Spezialfarbe, die unerwünschte "blinde Passagiere" daran hindert, sich festzusetzen.

Blaukrabbe frisst einheimische Weichtiere

Zudem würden Fischereivorschriften derzeit so angepasst, dass einheimische Arten sich wieder erholen können, beispielsweise durch die Zucht von Weichtieren, die weniger anfällig für die gebietsfremde Blaukrabbe sind. Die Herausforderung werde sein, neue Wege zur Renaturierung der Umwelt zu finden, erklärt Papik.

Advertisement