Arktis-Meereis schrumpft – Folgen für unsere Winter | Weather.com
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Arktis: Wintereis schwindet wohl stärker als gedacht – mit Folgen für Europa

Klimamodelle haben das Wintereis der Arktis offenbar überschätzt. Einer neuen Studie zufolge könnten sich die Winter in Europa verändern.

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Das arktische Meereis könnte in den Wintermonaten deutlich stärker schwinden als bislang angenommen. Forschende der University of Cambridge und des mexikanischen Centro de Investigación en Matemáticas kommen in einer neuen Studie zu dem Ergebnis, dass viele Klimamodelle den Rückgang offenbar unterschätzen. Die möglichen Folgen reichen weit über die Polarregion hinaus und könnten auch das Wetter in Europa verändern. Die Studie wurde im Fachmagazin „Nature Geoscience“ veröffentlicht.

Mehr Regen im Mittelmeerraum möglich

Besonders deutlich zeigen sich die Effekte nach den Berechnungen im Mittelmeerraum. Dort könnte es gegen Ende des Jahrhunderts im Zeitraum von Februar bis April wesentlich mehr Niederschlag geben als bisher erwartet. Demnach wären in einem Szenario mit anhaltend hohen Emissionen für die Jahre 2070 bis 2099 rund 92 Liter pro Quadratmeter zusätzlich möglich. Das entspräche etwa einer Verdopplung der bislang angenommenen Mengen und würde zugleich das Risiko für Hochwasser erhöhen.

Auch Europas Winter könnten sich verschieben

Nach den neuen Berechnungen dürfte das Wintereis vor allem in der Barentssee sowie in der Grönland- und Labradorsee stärker zurückgehen. In diesen Regionen könnte sich die Eiskante um bis zu 5,5 Breitengrade nach Norden verschieben.

Das wäre nicht nur eine Veränderung in der Arktis selbst. Weniger Eisflächen bedeuten mehr offenes Wasser, das Wärme an die Atmosphäre abgibt. Dadurch kann sich die Luft über dem Meer stärker erwärmen – mit möglichen Folgen für großräumige Wettersysteme.

Bis Ende des Jahrhunderts könnte sich die Eiskante im März deutlich nach Norden zurückziehen, vor allem in der Barentssee sowie in der Grönland- und Labradorsee. Die durchgezogene Linie zeigt die neue Prognose, die gestrichelte die bisherige. Szenario mit hohen Emissionen (SSP5), Mittel der Jahre 2090 bis 2099.
Bis Ende des Jahrhunderts könnte sich die Eiskante im März deutlich nach Norden zurückziehen, vor allem in der Barentssee sowie in der Grönland- und Labradorsee. Die durchgezogene Linie zeigt die neue Prognose, die gestrichelte die bisherige. Szenario mit hohen Emissionen (SSP5), Mittel der Jahre 2090 bis 2099.
(Grafik: nach Fu, Osman und Aquino-López (2026), Nature Geoscience (CC BY 4.0))

Welche Rolle der Polarwirbel spielt

Ein besonders wichtiger Faktor ist der Polarwirbel. Damit ist ein Band starker Höhenwinde gemeint, das kalte Luft normalerweise über der Arktis hält. Geht das Meereis in bestimmten Regionen zurück, kann das nach Einschätzung von Wetter- und Klimaforschern dazu beitragen, dass der Polarwirbel schwächelt. In solchen Fällen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Polarluft weiter nach Süden ausbricht.

Frühere Untersuchungen brachten einen Rückgang des Meereises bereits mit kälteren Wintern und stärkeren Schneefällen in Teilen von Großbritannien, Nord- und Mitteleuropa sowie Nordamerika in Verbindung. Das Forschungsteam hält deshalb kalte und zugleich nasse Winter in den mittleren Breiten künftig für plausibler. Zugleich weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass diese Zusammenhänge weiter untersucht werden müssen.

Mehr Schnee über Grönland

Nicht nur Europa könnte betroffen sein. Über Südostgrönland könnte im Spätwinter und Frühjahr den Berechnungen zufolge mehr als 30 Prozent mehr Schnee fallen als bisher angenommen. Diese zusätzliche Schneedecke könnte den Beginn der Oberflächenschmelze am Eisschild verzögern. Und das wiederum kAuswirkungen auf den Massenverlust des grönländischen Eisschilds haben – und damit langfristig auch auf den Meeresspiegelanstieg. Wie groß dieser Effekt genau ausfällt, wurde in der Studie jedoch nicht quantifiziert.

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Das könnte Auswirkungen auf den Massenverlust des grönländischen Eisschilds haben – und damit langfristig auch auf den Meeresspiegelanstieg. Wie groß dieser Effekt genau ausfällt, wurde in der Studie jedoch nicht quantifiziert.

Arktis-Meereis wohl um eine Million Quadratkilometer geringer

Insgesamt könnte die winterliche Meereisfläche in der Arktis um rund eine Million Quadratkilometer kleiner sein als bisher gedacht. Ob die Erwärmung natürlich oder menschengemacht ist, spielt laut Erstautorin Crystal Fu vom Scott Polar Research Institute keine Rolle: „Wenn es wärmer wird, schmilzt das Meereis.“

Neue Berechnungen zeigen: Das Meereis der Arktis schrumpft im Winter wohl stärker als bislang erwartet, je nach Emissionsszenario unterschiedlich stark. Quelle: Fu, Osman & Aquino-López (2026), Nature Geoscience (CC BY 4.0)
Neue Berechnungen zeigen: Das Meereis der Arktis schrumpft im Winter wohl stärker als bislang erwartet, je nach Emissionsszenario unterschiedlich stark.
(Grafik: nach Fu, Osman und Aquino-López (2026), Nature Geoscience (CC BY 4.0))

Schon aktuelle Messungen zeigen, wie stark das Arktis-Meereis unter Druck steht. Seinen winterlichen Höchststand erreicht es in der Regel im März. Laut dem US-amerikanischen National Snow and Ice Data Center (NSIDC) lag dieser Höchstwert 2026 bei 14,29 Millionen Quadratkilometern, 2025 waren es 14,31 Millionen Quadratkilometer. Damit markieren beide Jahre gleichauf den niedrigsten Winterhöchststand seit Beginn der Satellitenmessungen vor 48 Jahren. Im Jahr 2026 fehlten im Vergleich zum Mittel der Jahre 1981 bis 2010 rund 1,3 Millionen Quadratkilometer Eis.

Blick in die Vergangenheit verbessert Prognosen

Für die Untersuchung griff das Forscherteam auf Daten aus dem mittleren Holozän zurück, also auf einen Zeitraum vor rund 6000 Jahren. Damals war es in der Arktis wärmer als heute, zugleich gab es weniger Meereis. Mithilfe von Sedimentbohrkernen vom Meeresboden erstellte das Team die bislang größte Datenbank zum Biomarker IP25. Er wird nur von Algen gebildet, die im Meereis leben, und bleibt über Jahrtausende im Sediment erhalten. Findet man ihn, gab es dort einst Meereis.

Anschließend verglichen die Wissenschaftler 27 Klimamodelle und gewichteten sie danach, wie gut sie die damaligen Bedingungen abbilden konnten. Dieser Ansatz führte der Studie zufolge zu deutlich präziseren Ergebnissen. Crystal Fu sagt: „Als wir die Gewichtungen auf historische Simulationen angewendet haben, verschwand die systematische Überschätzung vollständig.“ Nach Angaben des Teams verringerte sich die Unsicherheit der Prognosen um bis zu 85 Prozent.

Auch Co-Autor Marco Aquino-López betont die Tragweite der Ergebnisse. Die Studie liefere „ein viel klareres Bild davon, wie die Arktis in den kommenden Jahrzehnten aussehen könnte“.

Warum das Arktis-Meereis für Europa so wichtig ist

Die neue Untersuchung zeigt, dass Veränderungen beim Arktis-Meereis nicht auf den hohen Norden begrenzt bleiben. Wenn das Wintereis stärker schrumpft als erwartet, kann das Niederschläge, Schneefall und mögliche Extremwetterlagen in Europa beeinflussen. Vor allem der Mittelmeerraum könnte demnach künftig mit mehr Regen und einem höheren Hochwasserrisiko rechnen.

Damit wird einmal mehr deutlich: Was in der Arktis geschieht, bleibt nicht in der Arktis.

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