Welt steht wegen Corona still: Seismologische Ruhe gibt Vorgänge in der Erdkruste preis | The Weather Channel
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Welt steht wegen Corona still: Seismologische Ruhe gibt Vorgänge in der Erdkruste preis

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Von ihrem Wohnzimmer aus merkt Paula Koelemeijer, wie die Welt um sie herum ruhiger wird. Sie ist Seismologin im Dienst der Royal Society in London. Wenig verwunderlich also, dass im Wohnzimmer ihres Appartements auf einer Betonplatte ein kleines Seismometer steht. Es zeichnet alle Erschütterungen des Bodens in der Umgebung auf.

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Sie stammen von Zügen, die über nahegelegene Gleise rollen, ebenso von Brechern in der Nordsee. Natürlich sind auch seismische Wellen von Erdbeben dabei.

Weniger Züge, Busse und Lastwagen

Dann kam das Coronavirus, und mit ihm die Lungenkrankheit Covid-19. Wie in vielen Ländern der Welt brachte sie auch in Großbritannien das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen.

Es fuhren viel weniger Züge, Busse und Lastwagen, und auch in anderen Bereichen wurde es still. Denn aufgrund der Regelungen zum sozialen Abstand blieben die Menschen meist zuhause.

All das machte sich in Koelemeijers Messungen bemerkbar: Das von menschlichen Aktivitäten herrührende „seismische Summen“ nahm drastisch ab. Bis dahin konnte die Forscherin sogar den Zugfahrplan an regelmäßigen Spitzen in ihren Seismogrammen ablesen, die vorüberfahrende Züge verursachten.

Erdbeben auf der anderen Seite der Erde wird verzeichnet

Seither sind die Erschütterungen zufällig verteilt. „Das reflektiert buchstäblich die Verlangsamung unseres Lebens“, sagte Koelemeijers dem US-Magazin „The Atlantic“. „Normalerweise würden wir ein Erdbeben der Stärke 5,5 von der anderen Seite der Erde nicht aufzeichnen, weil der Lärm zu hoch ist, aber mit weniger Lärm kann unser Gerät auch solche Signale empfangen.“

Auch im Belgischen Königlichen Observatorium (BKO) in Brüssel macht sich die seismische Ruhe bemerkbar. „Die von Fahrzeugen, Industriemaschinen und aus anderen anthropogenen Quellen stammenden Vibrationen der Erdkruste sind einzeln zwar schwach, doch zusammen erzeugen sie einen beachtlichen Hintergrundlärm, der andere Signale mit ähnlicher Frequenz überlagert, was seismische Messungen oft erschwert“, erklärt der BKO-Forscher Thomas Lecocq im Wissenschaftsjournal „Nature“.

„Nach Ausbruch der Pandemie fiel der seismische Lärm in Brüssel um ein Drittel, was wir in dieser Größenordnung sonst nur kurz an Weihnachten beobachten.“

Aufzeichnung von entfernten Erdstößen nun möglich

Die Seismologen profitieren nun von dieser Entwicklung. Ohne Hintergrundlärm werden ihre Instrumente empfindlicher und registrieren jetzt auch schwache und weit entfernte Erdstöße, Vulkanausbrüche oder andere geologische Ereignisse in den entsprechenden Frequenzbereichen.

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„Sonst ist unser Seismometer reichlich nutzlos“, konstatiert Lecocq. „Jetzt ist es aber so empfindlich wie eines, das in einem hundert Meter tiefen Bohrloch sitzt. In Belgien wird es wirklich ruhig.“

Eigentlich werden Messstationen außerhalb von Städten errichtet, um den dortigen Vibrationen zu entgehen. In Brüssel wucherte der urbane Dschungel aber um das über 100 Jahre alte Observatorium herum.

Dies ermöglicht immerhin, das Auf und Ab in der hektischen Metropole zu erfassen. „Wenn es schneit, lässt die von Menschen verursachte seismische Aktivität nach“, erläutert Lecocq, „und wenn Straßenrennen stattfinden, steigt sie.“

Ohne Hintergrundlärm nun Beschaffenheit der Erdkruste erkennbar

Auch in anderen Bereichen werden bessere Messungen möglich. So lassen sich schwache, natürliche seismische Schwingungen, wie sie Brecher in den Weltmeeren erzeugen, zur „Durchleuchtung“ der Erdkruste mittels Schallwellen nutzen.

Ohne den Hintergrundlärm zeigt sich viel klarer, wie Vulkanismus und der steigende Meeresspiegel die Ausbreitung des Schalls beeinflusst, was wiederum Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Erdkruste zulässt.

Weitere Stationen auf der ganzen Welt melden ähnliche Entwicklungen. So berichtete die Geophysik-Doktorandin Celeste Labedz vom California Institute of Technology in Pasadena per Twitter von einem ähnlichen Rückgang bei einer Messstation in Los Angeles wie in Brüssel.

Signale ohne Lärm liefern mehr Informationen

Bleibe die Ausgangssperre in den nächsten Monaten erhalten, könnten Detektoren in Städten die Nachbeben von Erdstößen weltweit besser lokalisieren als andere Stationen, meint der Seismologe Andy Frassetto vom Incorporated Research Institutions for Seismology in Washington DC ebenfalls in „Nature“.

„Man erhält Signale ohne zusätzlichen Lärm, was uns erlaubt, mehr Informationen aus den Ereignissen zu quetschen“, so Frassetto. Sein belgischer Kollege Lecocq möchte nun Daten aus der ganzen Welt zusammentragen, die ohne störenden Hintergrundlärm gesammelt wurden. Dazu stellte er sein Analyseprogramm online.

Deutlich erkennbar, dass Leute zuhause bleiben

Schon jetzt registrieren Seismologen unter anderem aus den USA, Frankreich und Neuseeland die Auswirkungen des Covid-bedingten Stillstands auf die seismische Aktivität.

„Es macht sich deutlich bemerkbar, dass die Leute zuhause bleiben, wie es viele Regierungen angeordnet haben“, resümiert Lecocq. „Vom seismischen Standpunkt aus können wir Leute motivieren, indem wir sagen, okay, ihr fühlt euch daheim allein, aber wir wissen, dass gerade jeder zuhause bleibt und die Regeln respektiert.“

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