Hungerkrise in Afghanistan: Millionen Kinder betroffen | Weather.com
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Afghanistan: "Höchster Anstieg von Unterernährung jemals'

Die Hungerkrise in Afghanistan spitzt sich dramatisch zu, warnen UN-Helfer. Geldmangel zwingt das WFP, drei von vier unterernährten Kindern abzuweisen.

Afghanistan: Vier Millionen Kinder sind aktuell vom Hungertod bedroht.
(AP)

Das Kleinkind weint, als ihm eine Sauerstoffmaske über das Gesicht gestreift wird und das grüne Gummiband sich um seine eingefallenen Wangen strafft. Vor einem Monat kam der kleine afghanische Junge ins Krankenhaus, damals rang der Zweieinhalbjährige mit dem Tod. Abu Bakar war extrem unterernährt und wog nur sechs Kilogramm, etwa die Hälfte dessen, was er eigentlich hätte wiegen sollen. Und doch zählt er zu den Glücklichen: Seine Familie brachte ihn ins Indira-Gandhi-Krankenhaus in Kabul. Dort bieten Ärzte lebensrettende Versorgung.

"Das Leben von vier Millionen Kindern steht auf dem Spiel"

Doch für jedes unterernährte Kind, das behandelt wird, kommen viele weitere, denen nicht geholfen werden kann. "Wir haben es mit einer katastrophalen Ernährungskrise zu tun, da zwei Drittel des Landes von sehr schwerer oder kritischer akuter Unterernährung betroffen sind", sagt John Aylieff, Afghanistan-Direktor des Welternährungsprogramms der UN. "Das ist der höchste Anstieg von Unterernährung, der jemals im Land verzeichnet wurde. Und das Leben von vier Millionen Kindern steht auf dem Spiel."

Hungerkrise in Afghanistan hat zahlreiche Ursachen

Nach vier Jahrzehnten des Konflikts ist Afghanistan seit langem auf ausländische Hilfe angewiesen. Doch nach der Machtübernahme der Taliban 2021 kam die direkte Hilfe aus dem Ausland fast über Nacht zum Erliegen, Millionen Menschen wurden in Armut und Hunger getrieben. Die Lage wird verschärft durch eine dahinsiechende Wirtschaft, eine schwere Dürre, zwei verheerende Erdbeben Ende 2025 und die Rückkehr von 5,3 Millionen Afghaninnen und Afghanen, die vor allem aus den Nachbarstaaten Pakistan und Iran ausgewiesen wurden.

"Die Hilfskürzungen waren verheerend"

Nun haben Kürzungen der Finanzmittel für humanitäre Organisationen, darunter die Einstellung der US-Hilfe für Programme wie die Lebensmittelverteilung des WFP, Millionen Menschen die Lebensgrundlage genommen. "Die Hilfskürzungen waren verheerend", sagt Aylieff vom WFP der Nachrichtenagentur AP. Von den vier Millionen akut unterernährten Kindern "müssen wir jetzt drei von vieren abweisen, weil wir einfach nicht das Geld haben". Das sei "beispiellos, und ich habe dergleichen in meinen mehr als 30 Berufsjahren bei humanitären Hilfsorganisationen noch nie erlebt".

17,4 Millionen Menschen inAfghanistan leiden akut an Hunger

Von den 17,4 Millionen Menschen, die in Afghanistan akut an Hunger leiden, kann das WFP aktuell nur zwei Millionen erreichen. Und sogar für sie kann weniger Nahrung bereitgestellt werden. Denn Hilfsorganisationen geht das Geld aus. Die Budgets von Geberländern verteilen sich auf zahlreiche humanitäre Krisen weltweit, darunter der Hunger im Sudan und die Kriege im Gazastreifen und in der Ukraine. Im Jahr 2024 betrug das Budget des WFP in Afghanistan nach "sehr großzügigen" Beiträgen von Geberländern 600 Millionen Dollar (507 Millionen Euro), wie Aylieff sagt.

"Ich kann meinen Hunger kontrollieren. Aber mein Kind kann das nicht."

Im vergangenen Jahr ging die Summe um die Hälfte zurück, und in diesem Jahr rechnet die Organisation mit noch weniger, etwa 200 Millionen Dollar. Das reiche nicht aus, um ein Hungerproblem zu bewältigen, das außer Kontrolle gerate, fügt er hinzu. Abu Bakars Familie gehört zu denen, bei denen die Hilfe versiegte. "Früher haben wir Unterstützung von einer Organisation erhalten, die uns viel mit Nahrungsmitteln aushalf", sagt die Mutter des Jungen, die 36-jährige Latifa. Doch damit war es vor drei Jahren vorbei. Seither gab es nichts mehr. Ihr Ehemann, ein Bauarbeiter, ist seit einem Jahr arbeitslos. Manchmal hat sie nun gar nichts mehr zu essen für ihre fünf Söhne. "Ich versuche, meine Kinder mit Essen zu versorgen", sagt Latifa und hält ihr ausgemergeltes Kleinkind im Arm. Es sei ihr egal, wenn sie selbst nichts esse. "Ich kann meinen Hunger kontrollieren. Aber mein Kind kann das nicht."

Sterblichkeitsrate unter Kindern gestiegen

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Hunger führe zu einem Anstieg der Sterblichkeitsrate bei Kindern, sagt Aylieff. Das WFP habe in den vergangenen Monaten mehr als 500 Todesfälle bei Kindern verzeichnet. Die Zahl, betont er, sei nur "die Spitze des Eisbergs", da sich im Winter viele Todesfälle in Dörfern ereigneten, die vom Schnee von der Außenwelt abgeschnitten seien. Diese Todesfälle würden deshalb nicht registriert. "Wie viele weitere afghanische Kinder werden hier sterben, bevor die Welt aufwacht und erkennt, dass das genug ist?", fragt Aylieff. "Bevor die Welt sagt: "Okay, wir haben eine Schwelle überschritten, wir sind nicht mehr bereit, tatenlos zuzusehen, und wir kommen jetzt, um zu helfen." Wie viele? Wie hoch ist die Zahl? Ich weiß es wirklich nicht."

Ministerium: Regierung versucht gegenzusteuern

Die 21-jährige Scharara kämpft darum, dass ihr sechs Monate alter Sohn Samir nicht eines dieser Kinder wird. Die junge zweifache Mutter aus der nordostafghanischen Provinz Badachschan wurde dort und in der Stadt Kundus auf der Suche nach Hilfe für ihr schwer krankes Baby von Krankenhaus zu Krankenhaus geschickt. Es leidet an einem Herzproblem und schwerer Lungenentzündung, verschlimmert durch Unterernährung. Schließlich schaffte Scharara es in die Unterernährungsstation des Ataturk-Krankenhauses in der Hauptstadt Kabul. Aber sie macht sich weiter riesige Sorgen. "Die Ärzte sagen, sein Zustand sei aktuell kritisch", sagt sie. In den 13 Tagen, seit er im Krankenhaus aufgenommen wurde, hat er nicht zugenommen.

Die afghanische Taliban-Regierung ist sich des Hungerproblems bewusst. Die Zahl ihrer Einrichtungen zur Behandlung von Unterernährung sei von 800 auf etwa 3.200 ausgeweitet worden, sagt der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Scharafat Saman, der AP. Im Jahr 2025 seien etwa drei Millionen unterernährte Kinder und Mütter behandelt worden, fügt er hinzu. "Mangelernährung ist kein Problem, das sich von heute auf morgen lösen lässt. Unterernährung ist in Afghanistan aufgrund von Armut, Krieg und anderen Problemen seit Jahrzehnten ein Problem", sagt Saman, der selbst Arzt ist.

Besonders Frauen betroffen

Die Regierung habe mit Hilfsorganisationen gesprochen, darunter solchen, die ihre Finanzierung gekürzt oder Projekte ausgesetzt haben. "Gesundheit ist von der Politik getrennt. Die Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen ist ein unveräußerliches Recht für alle Menschen", sagt Saman. "Wo bleibt die Solidarität der internationalen Gemeinschaft?"

Witwen dürfen nicht arbeiten

Durch die drakonischen Beschränkungen für Frauen, die von der Taliban-Regierung verhängt wurden, sind auch Witwen mit Kindern von fast allen Berufen ausgeschlossen und daher besonders gefährdet. Viele sind so verzweifelt, dass sie sagen, sie wollten sterben, wie der WFP-Landesdirektor berichtet.

"Wo bleibt die Solidarität der internationalen Gemeinschaft?"

Ernährungsprogramme des WFP verzeichnen einen Anstieg von 30 Prozent bei der Zahl akut unterernährter schwangerer und stillender Frauen - ein Anstieg, den laut Aylieff niemand zuvor in der Gemeinschaft von Hilfsorganisationen beobachtet hat. "Das sind die Frauen, denen die Welt nach der Machtübernahme 2021 unerschütterliche Solidarität versprochen hat. ... Dieselben Frauen fragen uns nun: Wo bleibt die Solidarität der internationalen Gemeinschaft?", fragt Aylieff. "Wenn ich eine Bitte hätte, dann wäre es, die afghanischen Frauen nicht im Stich zu lassen, die jetzt unter bitterem Leid, Hunger und Unterernährung leiden und zusehen müssen, wie ihre Kinder sterben."

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