MCS: So entstehen Europas Unwetter-Riesen | Weather.com
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Wenn Gewitter zu Giganten werden: Die Macht der MCS

Wenn sich Dutzende Gewitter zu einem einzigen Riesensystem zusammenschließen, entstehen Europas gefährlichste Unwetter: Mesoscale Convective Systems. Wie diese Wetter-Giganten entstehen und warum gerade Deutschland zu den Hotspots zählt.

Zwei Blitze schlagen neben einem Feld unter einer dunklen Gewitterwolke ein
Ausgedehnte Gewitterwolken mit Blitzen und Regenschauern: Mesoscale Convective Systems können sich über Hunderte Kilometer erstrecken.
(GettyImages)

Nicht jedes Unwetter besteht nur aus einer einzelnen Gewitterzelle. Manchmal schließen sich zahlreiche Gewitter zu riesigen Wettersystemen zusammen, die Hunderte Kilometer groß werden und ganze Regionen mit Starkregen, Hagel und schweren Sturmböen überziehen. Meteorologen sprechen dann von einem Mesoscale Convective System (MCS) – einem der wichtigsten Auslöser von Extremwetter in Europa.

Ein Mesoscale Convective System (MCS) ist ein organisierter Verbund mehrerer Gewitterzellen, die gemeinsam ein zusammenhängendes Wettersystem bilden. Anders als ein einzelnes Gewitter kann ein MCS eine Fläche von mehreren Tausend Quadratkilometern einnehmen und über viele Stunden hinweg aktiv bleiben.

Typisch für diese Systeme sind ausgedehnte Wolkenfelder in mittleren und großen Höhen. Neben den eigentlichen Gewitterwolken entstehen dabei breite Niederschlagsgebiete sowie weit ausladende Ambosswolken – jene flachen Wolkenschirme, die sich oberhalb starker Gewitter ausbreiten und oft mehrere Hundert Kilometer weit sichtbar sind.

MCS kommen weltweit vor – von den Tropen über die Subtropen bis in die gemäßigten Breiten. In manchen Regionen sind sie sogar für mehr als die Hälfte des gesamten Jahresniederschlags verantwortlich.

Wie entstehen MCS?

Die Grundlage eines MCS bilden zahlreiche Cumulonimbus-Wolken, also hochreichende Gewitterwolken. Damit sich daraus ein langlebiges und großräumiges System entwickeln kann, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein.

Zunächst wird ausreichend Feuchtigkeit in den unteren Luftschichten benötigt. Gleichzeitig muss die Luft zum Aufsteigen gezwungen werden – Meteorologen sprechen dabei von Hebung. Hinzu kommt eine sogenannte atmosphärische Instabilität: Warme Luft am Boden steigt dabei besonders leicht auf, während in größeren Höhen deutlich kältere Luft liegt. Dadurch werden kräftige Aufwinde begünstigt.

Eine weitere wichtige Rolle spielt die vertikale Windscherung. Darunter versteht man Änderungen von Windrichtung oder Windgeschwindigkeit mit der Höhe. Diese Windscherung hilft dabei, die einzelnen Gewitterzellen zu organisieren und über längere Zeit am Leben zu erhalten. Zudem wirkt sie mit den von Gewittern erzeugten Kaltluftbereichen am Boden zusammen und kann so die Bildung neuer Gewitterzellen anstoßen.

Ein MCS wird in der Regel erst dann als solches eingestuft, wenn die zusammenhängende Niederschlagszone mindestens etwa 100 Kilometer Ausdehnung in einer Richtung erreicht.

Unterschiedliche Erscheinungsformen

Mesoskalige konvektive Systeme können sehr unterschiedlich aussehen. Häufig treten sie als lange Gewitterlinie auf, die sich über mehrere Hundert Kilometer erstreckt. Meteorologen sprechen in diesem Fall von einer Squall Line oder Gewitterlinie.

Andere Systeme entwickeln eine eher kreisförmige Struktur und wirken auf Satellitenbildern wie riesige Wolkenkomplexe. Einige besonders gut organisierte MCS können mehr als 18 Stunden überleben und dabei enorme Niederschlagsmengen produzieren.

So werden MCS eingeteilt

Meteorologen unterscheiden MCS vor allem anhand ihrer Form.

Zu den wichtigsten Typen gehören:

  • Lineare Systeme: langgestreckte Gewitterlinien, auch Squall Lines genannt.
  • Axialsymmetrische Systeme: annähernd kreisförmige Komplexe, sogenannte Mesoscale Convective Complexes (MCC).

Untersuchungen aus Polen zeigen, dass dort sogenannte „Broken-Line“-Strukturen mit rund 58 Prozent am häufigsten auftreten. Etwa ein Viertel aller Fälle besteht aus flächigen Gewitterclustern, während rund 17 Prozent als quasi-lineare konvektive Systeme (QLCS) klassifiziert werden.

QLCS sind häufig mit einem Bow Echo verbunden. Dabei handelt es sich um eine bogenförmige Struktur innerhalb einer Gewitterlinie, die oft auf besonders starke Windböen hinweist.

Warum MCS so gefährlich sind

Die große Ausdehnung und die oft lange Lebensdauer machen MCS zu besonders gefährlichen Wetterereignissen. Da sie über Stunden hinweg dieselben Regionen beeinflussen können, entstehen häufig enorme Niederschlagsmengen. Ganze Flusseinzugsgebiete können betroffen sein, wodurch das Risiko von Sturzfluten und Überschwemmungen deutlich steigt.

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Hinzu kommt ein spezieller Windstrom im rückwärtigen Bereich vieler MCS. Dieser sogenannte Rear-Inflow-Jet transportiert trockene Luft in das Gewittersystem. Dadurch können starke Fallwinde entstehen. Solche Downbursts sind plötzlich auftretende, nach unten gerichtete Luftströme, die sich beim Auftreffen auf den Boden fächerförmig ausbreiten und schwere Schäden verursachen können. Manchmal weisen Downbursts sogar ähnliche Schadensmuster wie Tornados auf.

In Verbindung mit Bow-Echos können MCS zudem schwere Sturm- und sogar Orkanböen hervorbringen. Regelmäßig führen solche Ereignisse in Europa zu erheblichen Sachschäden, Verletzten und Todesopfern.

Prägende Gewitter-Ereignisse in Europa

Zu den bekanntesten MCS-Ereignissen der vergangenen Jahre zählt das schwere Unwetter in Polen am 11. August 2017. Das sogenannte Derecho – eine besonders langlebige und zerstörerische Gewitterlinie – verwüstete rund 79.700 Hektar Wald. Sechs Menschen kamen ums Leben, 58 weitere wurden verletzt.

Auch Deutschland erlebte am 9. Juni 2014 eines der schwersten Gewitterereignisse der letzten Jahrzehnte. Ein Bow-Echo-MCS zog über Belgien und Westdeutschland hinweg und brachte im Rhein-Ruhr-Gebiet Orkanböen von bis zu 144 km/h. Auch hier kamen sechs Menschen ums Leben. Allein in Düsseldorf und dem Ruhrgebiet wurden tausende Bäume entwurzelt. Dächer wurden abgedeckt, der Bahn- und Straßenverkehr brach zeitweise komplett zusammen.

Auch in Südengland sorgte ein MCS am 23. Oktober 2022 innerhalb von nur drei Stunden für die Entstehung von fünf Tornados. Zusätzlich traten schädliche Downburst-Winde auf.

Diese Beispiele zeigen, dass besonders gefährliche MCS in ganz Europa möglich sind.

Europas wichtigste Starkregenmaschinen

MCS treten in Europa regelmäßig und grundsätzlich das ganze Jahr über auf. Ihre bevorzugten Entstehungsgebiete wechseln jedoch mit den Jahreszeiten.

Im Herbst und Winter konzentriert sich die Aktivität vor allem auf den Mittelmeerraum und die Atlantikküsten. Im Sommer verlagert sie sich nach Kontinentaleuropa, in Gebirgsregionen und in die Nähe nördlicher Meeresgebiete.

Besonders eindrucksvoll ist ihre Bedeutung im Mittelmeerraum: Dort stammen mehr als 70 Prozent des Herbstniederschlags und über 90 Prozent des extremen Niederschlags von MCS.

Europaweit gelten diese Systeme als wichtigste Ursache für außergewöhnlich starke Regenfälle. In vielen Regionen sind sie für mehr als 60 Prozent aller extremen Stunden-Niederschläge verantwortlich, im Mittelmeerraum sogar für bis zu 80 Prozent.

Deutschland im Zentrum der MCS-Aktivität

Deutschland liegt im Kernbereich der sommerlichen MCS-Aktivität Europas. Viele Systeme entstehen an warmen Sommertagen am Nachmittag, erreichen in den Abendstunden ihre größte Ausdehnung und schwächen sich später wieder ab.

Gemeinsam mit den Britischen Inseln und der Alpenregion zählt Deutschland zu den wichtigsten europäischen Untersuchungsgebieten für diese Wetterlage. Besonders häufig treten dabei typische Gewittergefahren wie Hagel, Starkregen sowie Sturm- und Orkanböen auf.

Mehr Extremwetter durch den Klimawandel?

Viele Klimamodelle gehen davon aus, dass MCS in Europa künftig häufiger und intensiver auftreten könnten. Erwartet werden höhere Niederschlagsintensitäten, größere Regenmengen und eine stärkere zeitliche Häufung von Extremereignissen.

Auch Begleiterscheinungen schwerer Gewitter – darunter Blitzschläge, Hagel und schwere Windböen – dürften nach aktuellem Forschungsstand zunehmen. Damit wächst auch die Bedeutung einer möglichst präzisen Vorhersage solcher Systeme.

Das Wichtigste auf einen Blick
Mesoskalige konvektive Systeme gehören zu den bedeutendsten Wetterphänomenen Europas. Sie liefern einen erheblichen Anteil des Jahresniederschlags und sind zugleich für viele Extremwetterereignisse verantwortlich. Zu ihren größten Gefahren zählen Überschwemmungen, schwere Sturm- und Orkanböen, Downbursts, Tornados und Hagelschäden. Deutschland zählt dabei zu den europäischen Hotspots sommerlicher MCS-Aktivität. Mit fortschreitendem Klimawandel könnte die Bedeutung dieser Wetter-Giganten in Zukunft weiter zunehmen.

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