Die Phänologie zeigt, wie Frühling wirklich beginnt | Weather.com
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Phänologischer Frühling – was Hasel, Forsythie und Apfelblüte damit zu tun haben

Unser Frühling beginnt, wenn Hasel und Forsythie loslegen. Die Natur schreibt ihren eigenen Kalender.

Strauch mit zahlreichen leuchtend gelben Blüten (Forsythie) vor einem Holzzaun, aufgenommen unter blauem Himmel mit wenigen Wolken.

Der phänologische Frühling beginnt nicht nach unserem Kalender, sondern nach der Natur. Welche Pflanzen die Jahreszeit anzeigen, warum sich der Frühling immer weiter nach vorne verschiebt – und was das für Landwirtschaft und Allergiker bedeutet.

Gleich drei verschiedene Frühlingsanfänge gibt es hierzulande: den meteorologischen am 1. März, den kalendarischen am 20. März und den phänologischen – der ist aber nicht auf einen Stichtag festgelegt.

Was ist die Phänologie?

In der Phänologie, also der Lehre von den periodischen Entwicklungen in der Natur, richten sich die Jahreszeiten danach, wie weit die Natur entwickelt ist. Zudem wird das Jahr deutlich feiner gegliedert. „In der Phänologie haben wir zehn Jahreszeiten“, erklärt Meteorologe Andreas Brömser vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Apfelbaum mit weißen Blüten im Frühling vor einem gelb blühenden Rapsfeld bei Sonnenlicht
Die Apfelblüte startet mit dem Vollfrühling
(GettyImages)

Der sogenannte Vorfrühling setze ein, sobald die Hasel zu blühen beginne. Es folge der Erstfrühling mit der gelben Forsythien-Blüte, bevor der Vollfrühling mit der Apfelblüte starte. Je nach Region und Witterung verschieben sich diese Zeitpunkte jedoch deutlich. „Das ist auch der Grund, warum die phänologischen Jahreszeiten nicht überall in Deutschland gleichzeitig beginnen“, sagt Brömser.

Temperatur, Sonne und Kältereize steuern die Natur

Entscheidend für Blühbeginn und Austrieb ist vor allem eines: „Die Temperatur macht sehr viel aus“, sagt Brömser. Auch sonnenscheinreiche Bedingungen spielten eine wichtige Rolle. Zusätzlich beeinflusse die Tageslänge die Entwicklung, damit Pflanzen nicht zur falschen Jahreszeit austreiben.

Viele Arten benötigten zudem einen sogenannten Kältereiz. „Erst nach mehreren Tagen mit Frost sind sie bereit, bei milden Temperaturen wieder auszutreiben“, erklärt der Meteorologe.

Wie stark Pflanzen auf kurzfristige Wärme reagieren, sei unterschiedlich. „Bei der Hasel, kommt es zum Beispiel öfters vor, dass sie bereits im Dezember blüht, wenn zuvor eine längere Kältephase geherrscht hat und es in Richtung Weihnachten wieder deutlich milder wird“.

Frühstart lässt sich nicht zurückdrehen

Kommt es nach einem solchen frühen Austrieb erneut zu Frost, wird die Entwicklung zwar gebremst. „Der Austrieb kommt zum Stillstand und setzt sich erst bei der nächsten warmen Periode wieder fort“, erklärt Brömser.

Der Beginn einer phänologischen Jahreszeit bleibt jedoch bestehen. „Sobald eine Pflanze zu blühen beginnt, gilt die entsprechende Jahreszeit als gestartet“, fasst Brömser zusammen.

Phänologischer Frühling: Große regionale Unterschiede

In Deutschland erfassen rund 300 Beobachter im sogenannten Sofortmeldenetzwerk täglich den Entwicklungszustand der Pflanzen.

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Beim Vorfrühling 2026 hat sich bundesweit ein sehr uneinheitliches Bild ergeben. „Während in westlichen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen die Hasel teils bis zu drei Wochen früher blühte als im Mittel der letzten Jahrzehnte, ist sie im Nordosten zwei bis drei Wochen später dran gewesen“, sagt der Meteorologe.

Im Norden zu kalt im Süden mild

Ursache seien die markanten Temperaturunterschiede im Winter gewesen: Im Süden und Südwesten war es deutlich zu mild, im Norden und Nordosten dagegen kälter als üblich. „Diese große Spreizung ist schon ungewöhnlich.“

Anders sieht es beim Erstfrühling aus: Im Vergleich zum langjährigen Mittel liege der aktuell „rund eine Woche früher“, so Brömser. „Der Erstfrühling gilt dort als begonnen, wo ein Teil der Blüten an einem Forsythien-Strauch geöffnet ist.“ Das sei mittlerweile in weiten Teilen des Landes der Fall, berichtet Brömser. Spät dran waren auch hier vor allem Nord- und Nordostdeutschland – von Schleswig-Holstein bis Mecklenburg-Vorpommern – sowie die östlichen Mittelgebirge, weil es dort anders als im Rest des Landes noch lange kalt blieb.

Klimawandel verschiebt die Jahreszeiten

Langfristige Daten zeichnen ein klares Bild: „Die Entwicklungsphasen von Frühling bis Herbst sind temperaturabhängig – und da schlägt der Klimawandel durch“, sagt Brömser. Seit 1951 werden phänologische Daten systematisch erfasst, wodurch sich Veränderungen über Jahrzehnte nachvollziehen lassen.

„Die stärkste Verschiebung ist beim Vorfrühling zu sehen – etwa um 17 Tage bezogen auf den Vergleich der beiden vieljährigen Mittel 1961 bis 1990 und 1991 bis 2020“, erklärt der Meteorologe. Früher habe dieser um den 3. März begonnen, heute bereits um den 15. Februar. Auch die meisten weiteren Jahreszeiten hätten sich vorverlagert, allerdings weniger stark – „eher so um die zehn Tage“. Der Beginn von

Spätherbst und Winter hat sich hingegen – mit den Zeitpunkten von Blattverfärbung und Blattfall bei der Stiel-Eiche – leicht verzögert.

Klimazonen verändern sich

„In den nächsten zehn bis 20 Jahren ist eine weitere Verfrühung des Frühlings wahrscheinlich“, sagt Brömser. Langfristig sei sogar offen, ob die heutigen Zeigerpflanzen bleiben: „Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die richtige Klimazone.“

„Die vegetationsfreie Zeit ist zudem um 19 Tage kürzer geworden“, so Brömser. Der Herbst bleibe länger warm und Pflanzen könnten dadurch länger Photosynthese betreiben. Allerdings setze die Tageslänge natürliche Grenzen, weshalb sich die Verschiebung im Herbst weniger stark zeige.

Auswirkungen auf Landwirtschaft und Gesundheit

Die verlängerte und früher einsetzende Vegetationsperiode bietet der Landwirtschaft neue Möglichkeiten. „Positiv ist eine frühere Aussaat, zum Beispiel bei Sommergetreide“, erklärt Brömser. Dadurch verfrühe sich auch die Ernte und es entstünden neue Spielräume, etwa für Zwischenfrüchte. „Auch ein anderes Anbauspektrum wie Soja ist möglich – selbst Reis lässt sich jetzt hierzulande regional anbauen.“

Gleichzeitig nehmen die Herausforderungen zu. Zwar gebe es insgesamt keine großen Veränderungen bei der Niederschlagsmenge, wohl aber bei der Verteilung: trockenere Sommer, nassere Winter. Besonders im Frühling habe es in den vergangenen rund 15 Jahren auffällig viele trockene Phasen gegeben. „Insgesamt wird Wasser in der Vegetationsperiode knapper“, so Brömser.

Wie Allergiker betroffen sind

Auch für Allergiker hat die Entwicklung Folgen. „Durch die Verfrühung der Vegetationsperiode startet auch die Pollensaison früher“, sagt Brömser. Hasel, Erle und Birke zählen zu den besonders allergenen Arten. Zwar ende ihre Blüte auch früher, doch andere Pflanzen verlängerten die Belastung: „Die Ambrosia ist ebenfalls sehr allergen und eine Gewinnerin des Klimawandels – sie blüht ab Spätsommer bis in den Herbst hinein, und es wird schwer, ihre Ausbreitung einzudämmen.“

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